Zivilcourage: Mitgefühl als stärkster Antrieb einzuschreiten



Zivilcourage hat ganz viel mit Mitgefühl zu tun



Stellt Euch vor, ihr sitzt gemütlich in der Bahn, noch 5 Haltestellen bis zu Eurem Ziel. Dann werdet ihr Zeuge eines Übergriffes. Ein Mann pöbelt einen Opi an, der ihn aufgefordert hatte, seine Zigarette in der Bahn auszumachen. Der Mann schubst den Opa durch den Zug, beschimpft ihn.

Was tut ihr?

Diese Frage hat sich bestimmt jeder schon mal gestellt, spätestens im Rahmen der öffentlichen Diskussion im Fall Dominik Brunner. Ich schrieb vorher schon drüber und kam zu dem Fazit, dass jeder Mensch sicherlich in so einer Situation auf Instinkt schaltet. Und dementsprechend ist die Entscheidung, einzugreifen, keine ganz rationale, auf die man sich mit moralischen Überlegungen hinsichtlich „Zivilcourage“ vorbereiten kann.

Zivilcourage

Mitgefühl @intuitivmedia.net

Inzwischen denke ich jedoch, dass man durchaus eine Haltung entwickeln kann, die einen im Ernstfall das Richtige tun lässt. Diese hat ganz viel mit Mitgefühl zu tun.

Wie mutig sind die Deutschen wirklich – Muckis aber Muffensausen?

Diese Woche brachte Stern TV einen Beitrag zum Thema Zivilcourage. Ein Team von Darstellern testete in der Cottbusser Bahn und an einer Haltestelle mit versteckter Kamera gefilmt das Verhalten von Anwesenden im Falle eines gewalttätigen Übergriffs.

Das „erstaunliche“ Resultat: so gut wie alle Vorfälle verliefen OHNE das Einschreiten von Helfern. Die oben beschriebene Szene mit dem älteren Herrn beispielsweise war eines der Stern TV-Szenarien und die Leute in der S-Bahn hockten auf ihren Sitzen und glotzten. Zum Teil schauten sie regelrecht zu, zum Teil drehten oder setzen sie sich sogar weg. Krass fand ich bei allen Vorfällen, dass auch immer recht kräftige Männer anwesend waren, die jedoch NICHTS taten und später auch zugaben, dass sie einfach zu feige waren, zu helfen, aus Angst, selbst eins auf die Nase zu bekommen.

Mir drängte sich hier zunächst mal die Frage auf, ob uns Stern TV tatsächlich alles gezeigt hat, was aufgenommen wurde. Oder ob die Redaktion sich aufgrund „knapper Sendezeit“ für eine Auswahl entschieden hat, die uuups, vor allem die Vorfälle zeigt, bei denen nicht geholfen wurde…..hat’s alles schon gegeben.

Machen die Medien jetzt selbst das, worüber sie dann berichten können?
Stern TV hat ja schon so manchen in die Pfanne gehauen, ich bin jetzt kein Riesenfan von derlei Boulevardformaten. Dort werden oft völlig aus dem Zusammenhang gerissene Statements oder Beiträge gezeigt, die vor allem eines sollen: für Wirbel sorgen.

Ich weiß nicht, ob sich so ein „Versuch“ wirklich eignet, um aussagen zu können, dass die meisten Menschen keine Zivilcourage haben.

Man sagt ja, dass bei wissenschaftlichen Versuchen der Beobachter großen Einfluss auf das beobachtete Ergebnis hat. Vielleicht spürten die Menschen in Cottbus, dass da Schauspieler auftraten und es keine tatsächliche Gefahr war. Oder dass die Redaktion gerade auf unterlassene Hilfeleistung spekulierte.

Wir werden es wohl nie erfahren…

Meines Wissens nach jedoch war in vielen Städten eine Drehgenehmigung abgelehnt worden, wahrscheinlich aus gutem Grund….

 

Zivilcourage Wer ist geeignet dafür?

alleine @intuitivmedia.net

Muss man es erst selbst erlebt haben, um einzuschreiten?
In einem Interview sagte eine Frau, die selbst schon mal Opfer eines Übergriffs gewesen war, bei dem niemand ihr geholfen hatte, dass sie DESHALB immer helfen würde. Es war ihre deutliche Erklärung dafür, dass sie spontan einem Opfer zur Seite eilte: weil sie es selbst schon erlebt hat.

Wenn ich so einen Vorfall sehe, dann fühle auch ich voll mit dem Opfer und wenn ich über so was nachdenke, dann denke ich auch immer daran, was wäre, wenn es mir passieren würde und niemand hilft?

Hinsichtlich der Entwicklung von Zivilcourage ist das sicherlich ein hilfreicher Gedankengang, was wäre, wenn es mir passieren würde? Würde ich mir Hilfe wünschen? Die Antwort ist: Ja.

Sind Frauen das mutigere –weil mitfühlendere Geschlecht?
Bei aller Skepsis brachte mich eine weitere Szene des Stern TV Beitrages zum Nachdenken darüber, WAS genau den Impuls gibt in uns, einzugreifen, wenn jemand in unserer Gegenwart tätlich angegriffen wird. Man braucht Mut dafür. Wie der Beitrag zeigte eher Mut, als Muskeln.

An einer Haltestelle, an der 2 (vermeintliche) Brutalos einen Mann tätlich angriffen, schritt eine junge Frau ein, die war bestimmt nicht größer als 1,60m. Sie Ging aktiv auf die Angreifer zu, holte dann noch andere Passanten dazu, und sorgte dafür, dass schließlich mehr Helfer als Aggressoren am Start waren, so dass letztere die Flucht ergriffen.

Sie sagte später, das sei spontan gewesen, sie habe keine Sekunde gezögert.

Vielleicht ist Zivilcourage ja eine echte eine Herzensangelegenheit, bei der der Mut proportional zum Mitgefühl wächst und rein gar nichts mit der eigenen Körperkraft zu tun hat…

zum Stern TV Beitrag

[teilen]

Wer hat`s geschrieben ?

Trinity schrieb schon 155 Artikel auf tipblog.

Darum ging es im Beitrag:
    zivilcourage experiment | experiment zivilcourage frankfurt s-bahn | zivilcourage vorfälle |

Das könnte dich auch interessieren:

3 Kommentare

  1. Benedikt sagt:

    Interessante Gedankengänge. Ich persönlich denke, dass es einfach der typ Mensch ist der entscheidet. Manche interessieren sich nicht für die Umwelt undf für die Mitmenschen die sie nicht kennen.. andere tun das schon.

  2. Maria sagt:

    Ich denke nicht, dass man Ziviilcourage bzw. den Mut zur Zivilcourage pauschalisieren kann – schließlich sind jene Situationen, in denen sie gefordert wird meist nicht ungefährlich und oft von mehreren Faktoren abhängig. Faktoren wie Geschlecht, Anzahl, Setting, etc sind sicher von großer Bedeutung bei der Entscheidung für oder gegen Einschreiten…

  3. Peter sagt:

    @Maria – natürlich sind Sie nicht ungefährlich – deshalb braucht man ja Courage. ;-)
    Bei Zivilcourage ist ja nicht gemeint einer alten Dame über die Straße zu helfen, sondern sich sehenden Auges in eine Konfliktsituation zu begeben. Da liegt aber das Problem – jedenfalls in Deutschland – wir sind so sehr darauf erzogen worden nirgends anzuecken, wegen unserer Vergangenheit (was natürlich albern ist, denn ich bin lange nach 1936 (und auch nach 1945) geboren. Eine Journalistin brachte es vor einiger zeit in einer Talkshow auf den Punkt: “wir sind so sehr darauf aus, bloss jedem Wohl zu sein, dass wir vergessen haben, wer wir sind!”
    So ist es doch in diesem Land: Man muss ja schon aufpassen, wenn man “Mitbürgern mit Migrationhintergrund” (alleine das Wort ist doch schon Weichspülung pur; warum darf man nicht mehr Ausländer sagen?) sagt, dass Sie bitte aufhören sollen zu pöbeln. Sofort ist man ein böser Nazi. Dies soll jetzt nicht heissen, dass solche Dinge wie oben beschrieben nur von Ausländern begangen werden – die Deutschen Schläger und Kleinkriminelle sind darin ebenfalls sehr erfahren.
    Ein anderer Punkt macht mir eher Sorge: Denn wenn man hilft – eventuell sogar in eine körperliche Auseinandersetzung verwickelt wird, ist man schnell der Dumme ( es sei denn, man ist ein zweiter Jackie Chan). Wird man verletzt, bekommt man in der Regel kein Geld. Vom Straftäter ist nämlich mangels Masse meist nix zu holen. Der Staat hat damit auch nix zu tun, und hält sich da raus. Kommt es vor Gericht, dann wird dem Straftäter ein Anwalt gestellt; psychologische Gutachten werden erstellt, die ihm verminderte Schuldfähigkeit wegen seiner schlimmen Kindheit attestieren – dass Du deinen Anwalt selber zahlen musst, ist klar, oder? Wenn man Pech hat, wird man selber noch verknackt, weil man “über reagiert” hat, und nicht die “Verhältnissmäßigkeit der Mittel” gewahrt. Läuft’s schlecht vor Gericht, muss man mit Pech selber noch Schmerzensgeld zahlen. Dann wird die gutgemeinte Hilfe schnell zum Eigentor! Wer das mal erlebt hat, wird sich 2mal überlegen, ob er sich selber in die Schußlinie bringt. Beispiel? Ein Bekannter von mir wird den Rest seines Lebens eine hässliche Narbe im Gesicht mit sich rumtragen, weil er einer Kellnerin, die von einem “Südländer” angepöbelt wurde helfen wollte. Dafür schnitt ihm der mit einem Messer quer durchs Gesicht. Schadensersatz? Nullkommanix! Solche Leute hätten das Bundesverdienstkreuz verdient. Bekommen tun Sie aber nur die Erkenntnis, dass dieses Land den Falschen hilft. Er wird jeden Morgen beim Blick in den Spiegel dran erinnert.
    Das ist genau der Punkt! Solange in Deutschland Straftäter besser behandelt werden, als helfende Bürger, werde ich den Teufel tun, jemandem zu helfen.