Warum klassische Medien Blogs nicht als Quelle angeben



Nachlässigkeit oder doch methodische Verweigerung von Anerkennung ?



Als ich gestern Abend grad dabei war mich über die Killergurken-Sprüche bei Twitter kaputtzulachen statt im TV Nachrichten zu sehen, flatterte mir ein Artikel bei Basic Thinking auf den Schirm.
Der Autor Jürgen Vielmeier protestiert in seinem Beitrag entschieden gegen die Frechheit der klassischen Medien gegenüber der Blogosphäre. Es sind Beispiele angeführt, wie Print-Journalisten Informationen in ihren Artikeln verbraten, die sie aus der Blogosphäre ziehen, ohne jedoch den Blogautor konkret zu benennen, geschweige denn zum jeweiligen Quellen-Blog zu verlinken.

Für viele Blogger ist sowas „Pfui!“, lebt man in der Blogosphäre doch von der Vernetzung und weiß außerdem um die Wichtigkeit und Wertigkeit entsprechender Referenzen.

Worum geht’s eigentlich? Traffic, Rankings oder Eitelkeit?

Ich meine ja, es geht in dieser Angelegenheit gar nicht in erster Linie um’s Ranking oder Traffic, sondern um’s Prinzip: da gehen also klassische zumeist ganz gut bezahlte Journalisten hin, bedienen sich in der Blogosphäre – also bei Leuten, die meist NICHT fest in Lohn und Brot bei einem Medium großen Namens stehen, sondern zu Fuß ihre Zielgruppe im Web erobern müssen, benutzen deren „Informations-Früchte“, ohne dafür „Danke“ zu sagen in Form einer Namenserwähnung oder Verlinkung.

Ja, es ist ärgerlich, dass sowas passiert. Denn Blogger recherchieren sich die Finger wund (manchmal auch ohne was im Kühlschrank zu haben), halten Kontakt zur PR-Abteilung beim Smartphone Hersteller, schlagen sich bei Konferenzen die Zeit um die Ohren und: der Journalist kommt hinten rum in den Garten geschlichen (oftmals ganz ohne Ahnung von der Apfelzucht), klaut sich die mühevoll gezüchteten Äpfel und verkauft sie auch noch teuer zum eigenen Profit, ohne den Gärtner zu erwähnen, der die Arbeit hatte.

Das hat was von Infoschmarotzertum, da gebe ich Jürgen Vielmeier recht. Vielleicht gibt’s aber ja die Möglichkeit, aus solchen Erfahrungen auch selbst noch was zu lernen, was die eigene Integrität betrifft. Denn ich finde, dass es um Integrität geht bei der korrekten Angabe von Informationsquellen.

Einem Prinzip auf die Schliche kommen erweitert den Horizont

Einer meiner Lehrer machte mich einmal darauf aufmerksam, dass es schlau sein könnte, ganz genau hinzuschauen, wenn es einem irgendwo „um’s Prinzip“ geht und man sich richtig drüber aufregt, was andere tun. Dass der Grad der Aufregung ein Indiz dafür sei, WIE DRINGEND das zugrunde liegende Prinzip zur „Bearbeitung“ sprich Bewusstmachung anstünde.

Ich hab damals angefangen, mir all das mal genauer anzusehen, was mich gerade so richtig nervte und siehe da: in allen Fällen musste ich feststellen, dass ich selbst hin und wieder „gegen das Prinzip“ verstieß, was da grad „der Andere“ mir gegenüber verletzte!

Oho. Selbsterkenntnis , ick hör dir trapsen…..!

Nun kann ich ja nicht ganz genau sagen, um welche Prinzipien es betroffenen Bloggern geht hinsichtlich des Vorgehens von klassischen Journalisten. Aber ich kann einfach mal für ein kleines Gedankenspiel annehmen, dass es nicht nur um Traffic, Rankings & Co. alleine geht, sondern auch um Prinzipien wie Ehre, Achtung, Fairness und Respekt. Gegen diese verstoßen Journalisten, wenn sie sich ohne jegliche Referenz in Blogs bedienen und damit eigentlich ziemliche Geringschätzung zum Ausdruck bringen, obgleich sie Blogs doch sehr zu schätzen scheinen (sonst würden sie ja nicht die Infos aus den Blogs ziehen).

Das Spannende bei der Betrachtung verletzter „Prinzipien“ ist meines Erachtens, dass sie einen zum Kern des Pudels führen kann, weil man sich a. beide Seiten des Prinzips ansieht – die gibt es immer und b. weil man bei sich selber auch mal hinschauen muss, wann man selbst in seinem Leben gegen das entsprechende „Prinzip“ verstößt. So à la: Wann gebe ich selbst NICHT die Urquelle meiner Infos an? Wann verlinke ICH lieber auf ein befreundetes Blog, das auch über ein Thema berichtet hat, statt zu schreiben, dass ich zuerst aus dem Spiegel/SZ/Focus oder einem Forum im Web davon erfuhr?

Ja liebe Blogger, WANN machen WIR das, was wir den klassischen Journalisten da so vorzuwerfen haben? WO und WIE OFT verwehren wir unseren Erstquellen die Ehre einer Erwähnung oder Verlinkung? Haben WIR selbst überhaupt eine blütenreine Quellen-Erwähnungs- und Verlinkungsweste? Gute Fragen, wie ich finde…

Betreiben wir hier SCHATTENBOXEN? Projiziert man hier Verstöße gegen ein „heiliges Prinzip“ auf die bösen Journalisten und fühlt sich als Blogger-Opfer der Umstände, blind für eigene Tricksereien?

Es mag vielleicht provozierend klingen für diejenigen Blogger, deren Beiträge Journalisten die Recherchearbeit abnehmen, ohne dass der Blogger hierfür Anerkennung erfährt. Dennoch: ich bin mehr Mensch als ich Blogger bin. Und in diesem Sinne versuche ich im Rahmen meiner Möglichkeiten das zu tun, womit ich auch selbst gut leben kann. What you give ist what you get…. Das klappt nicht immer und darum muss ich ab und zu echt mal schauen, ob ich selbst nicht auch manchmal gegen meine eigenen Prinzipien verstoße, wenn mir sowas begegnet.

Traffic-starke Blogs bzw. ihre Betreiber überlegen sich ja auch sehr gut, WEM sie „die Ehre erweisen“ oder ihren Google Page Rank vererben, in dem sie einen Link setzen, oder wie ist das? Es will mir doch keiner erzählen, dass er NICHT darauf achtet, WESSEN Artikel zu einem Thema er verlinkt! Und da sind wir bei Tipblog.de auch keine große Ausnahme. Wir stehen dazu, dass wir uns oftmals sehr genau überlegen, wen wir verlinken. Wenn es einen „befreundeten“ und zuverlässigen Blogger gibt, der sich eines Themas schon vor uns angenommen hatte, ja dann verlinken wir nach Möglichkeit zu dieser „Quelle“ und nicht zu N-TV oder zu „gute Frage“.de, wo wir vielleicht erstmals mit dem Thema in Berührung gekommen sind.

Ich muss dazu sagen, dass ich selbst hier nur als Autorin tätig bin und selbst keine „befreundeten“ Blogs habe, die ich vorranging verlinken würde. Am liebsten verlinke ich persönlich auf solche Artikel, die weiterführende Infos enthalten zu einem Thema, die ich in einem Artikel noch nicht behandelt habe. Meiner Meinung nach einer der ganz großen Vorzüge des Bloggens in Sachen Mehrwert für den Leser.

Es gibt klassische Nachrichten Portale im Web, die „kennermäßig“ über die allerneuste Studie von Stiftung Warentest berichten , es aber nicht für nötig halten, zu dieser zu verlinken, damit der Leser es leichter hat. Frage mich oft, was da hinter steckt. Will man den Leser an verdaute Infohäppchen gewöhnen? Ist es das vielleicht, was die „klassischen“ Medien wurmt: dass der mündige Mensch den Blogs die Bude einrennt inzwischen, weil er dort nicht nur durch Journalistengehirne gefilterte Infos, sondern auch den Direktlink zur zugrunde liegenden Quelle findet für weitere Recherchen? Tja, wer weiß das schon…

Das alte Lied von Selbstbewusstsein vs. Egoscheiß

 

bloggen

blogger @intuitivmedia.net

Ich finde eigentlich, dass wir Blogger den Ball mal flach halten und durchaus mal anerkennen könnten, dass die „Klassischen“ Medien die Blogosphäre längst ernstnehmen, auch wenn sie es nicht zugeben und es demonstrativ andersherum darstellen , in dem sie eben NICHT auf die konkreten Quellen in der Blogosphäre verweisen.

Netter Versuch die Relevanz der Blogs herunterzuspielen, jedoch gelingt dies nur bedingt. Denn ein Selbstbewusster Blogger müsste eigentlich wissen, was die Stunde geschlagen hat. Wenn Printmedien Infos aus Blogs aufgreifen, dann bedeutet dies doch, dass man schon gesehen wird und scheinbar sogar fester Bestandteil des Infopools klassischer Journalisten ist. Soviel zum Selbstbewusstsein der Blogosphäre, denn um sich dessen bewusst zu werden, muss ich erst mal nicht namentlich erwähnt werden.

Im nächsten Schritt ist es natürlich -auch aus kommerzieller Sicht- wünschenswert, dass man als Quelle namentlich erwähnt und auch in den Online-Artikeln VERLINKT wird. Sowohl das Ausbleiben einer Blogquellenangabe durch einen Journalisten, als auch die Aufregung darüber seitens der Blogger, sind m. E. jedoch Ego-Scheiß, da kann man ja dran fühlen!

So wie ich das sehe, geht’s hier doch irgendwie um’s Prinzip. Und ich nehme das nochmal zum Anlass dafür, die Idee mit einem Bloggerverband erneut aufzugreifen. Statt auf hohem Niveau zu klagen, kann man ja als Blogger einen Presseausweis beantragen und sich vielleicht sogar mit Journalisten vernetzen.

Warum nimmt man nicht die derzeitige Situation (man wird zwar angezapft, aber nicht offiziell anerkannt) zum Anlass, diesen bescheuerten Schützengraben zuzuschütten, damit die Qualität der Berichterstattung im Allgemeinen besser wird? Ich bin bestimmt nicht die Einzige, die dieses Ziel vor Augen hat, dass Blogosphäre und klassische Medien sich ergänzen, irgendwann sogar Hand in Hand arbeiten. Geht es echt „nur“ darum, wer wem die Ehre erweist und den Hintern pudert bzw. wer wem krasser die Anerkennung verweigert?

Ginge es hier um eine Romanze, würden zwei solche Partner dringend eine Paartherapie brauchen, weil sie in einem ziemlich kranken Machtkampf verstrickt sind, was ziemlich destruktiv sein soll für die Psyche.

My my….

Blogosphäre hat längst einen hohen Info-Stellenwert

Manchmal, wenn ich über die Thematik Blogosphäre/klassische Medien lese, fühle ich mich an eine kriegerische Auseinandersetzung erinnert, die von außen betrachtet total kontraproduktiv ist. An eine Hassliebe, in der am Ende vom Tag beide Seiten was verpassen, weil sie so sehr mit Machtspielen beschäftigt sind, damit, sich gegenseitig ihre Verachtung um die Ohren zu hauen bzw. Anerkennung vorzuenthalten, obwohl BEIDE SEITEN eigentlich einander brauchen und von einander profitieren können.

WO ist bei einer solchen Haltung das win-win geblieben? Kommt man nicht durch eine freundliche Kontaktaufnahme auf Augenhöher eher in die Blogroll eines etablierten Online-Heftes (oder Blogs), als durch gegenseitige Verachtung?

Manche klassischen Journalisten mögen (noch) nicht darauf klarkommen (egomäßig), dass Blogger inzwischen zu Pressekonferenzen eingeladen werden, weil die Industrie und Politik längst mit der Blogosphäre arbeitet und Blogger sehr ernst nimmt als Medien-Partner. Aber genauso gibt es (noch) Blogger, die UNBEDINGT als DIE Nummer Eins im Informations-Business dastehen wollen und sei es nur in ihrer Nische. Pah, Alles Egoscheiß! Jeder schaue mal, an seiner eigenen Einstellung herunter in dieser Sache.

Es gibt inzwischen genügend Beispiele , bei denen es Blogger waren, die wichtige Informationen publik gemacht haben und wo erst DANACH die klassischen Medien auf den Zug aufgesprungen sind. Also, mir persönlich gefällt das gut und ich muss eigentlich über die (in meinen Augen) verzweifelte Unverschämtheit mancher Journalisten schmunzeln, die sich scheinbar vehement dagegen wehren, Blog-Quellen auf Punkt und Komma anzugeben. Uhhh, es könnte ja einer aufhören ihr Heft zu kaufen! Mist, 30% weniger Gehalt wegen Umsatzeinbrüchen (kein Scheiß, gerade gestern gehört, dass wieder Redakteure streiken müssen deshalb hier in NRW). Also, es geht hier auf beiden Seiten um Existenzen, oder!

Beim Medienführerschein-Shitstorm um „Bernd den blöden Blogger“  haben auch wir noch mit gewettert, da hat die Printindustrie auch nicht viel Rücksicht auf die Existenz der Blogger genommen, meine ich. Aber ich investiere neuerdings mehr Energie in Badewannen voller Selbstbewusstseins-Loops und gute Drähte zu den klassischen Medien.

Dies unter anderem, seit mir im Zusammenhang mit einem Blogbeitrag mal ein Pressesprecher gesteckt hat, dass ich „besser recherchiere , als der Journalist von der etablierte Zeitung YXZ“. Ich weiß es, die wussten es und es tat gut, das zu hören. In jeden Baum ritzen muss ich das jetzt aber trotzdem nicht unbedingt. Ich persönlich schätze den direkten Kontakt z.B. zu einer Lokalredaktion hier, denn ich weiß, dass die Redakteure dort „einfach mal so“ bei der Staatsanwaltschaft eine Auskunft bekommen können und ich (noch) nicht. Ich gebe denen einen Tipp, wenn ich was erfahre und die informieren mich dann über die Ergebnisse ihrer Recherche. Jüngstes Beispiel: in einem Deutschen Jobcenter soll eine Mitarbeiterin mehrere Jahre lang Geld von Hartz IV-Beziehern abgezwackt haben…. Hallo!? Da bin ich nicht „Bloggerin“ da werd ich zum Menschen (und manchmal auch zum Tier!)

Juchuuh, ich bin nützlich! Die Wanne ist voll, uh uh uh dubiduuuuu….

Brücken bauen, nicht Gräben ausheben zwischen Blogosphäre und klassischen Medien

Es gibt schon ein paar Brückenfiguren in der Medienlandschaft, zu denen ich derzeit Leute zähle, die SOWOHL journalistisch in den klassischen Medien tätig, ALS AUCH Blogger sind. Leute, die das Bloggen als journalistisches Tool benutzen. Es gibt auch genügen PR-Leute, die bloggen, kein Widerspruch. Und Gutjahr, Niggemeier & Co. fahren ebenfalls ihr eigenes Ding und lassen sich scheinbar weder von der Blogosphäre noch von den klassischen Medien einlullen, noch den Mund verbieten. Und wenn ich ehrlich bin, ist mir das viel sympathischer, als überhebliche Grabenkämpfe darum, wer’s zuerst wusste oder bearbeitete.

Klar, die Fairness lässt auf beiden Seiten noch etwas zu wünschen übrig, aber allgemein sind wir doch auf einem guten Weg, finde ich, damit Informationen möglichst frei verfügbar sind. Ich denke auch, dass die klassische Medien und die Blogs an der Qualität des anderen weiter wachsen werden, sich gegenseitig „besser“ machen.

Richard Gutjahr beschreibt im Interview mit dem Medientrainer Blog ganz gut, wie er die Rolle der Blogosphäre in der Medienlandschaft sieht .

Und ich zitiere hier zum guten Schluss gerne mal Stefan Niggemeier , Journalist und Blogger, der unter anderem den klassischen Medien auf’s Maul schaut und der m.E. ganz gut auf den Punkt bringt, dass auch dem Journalisten die Aufmerksamkeit, die er als Blogger bekommt, wie Öl runtergeht. Er sagt über das Bloggen: „Für mich ist es eine Sucht. Ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit. Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation.

Ja, da sind sie, die beiden Seiten der Blog-Medaille: Aufmerksamkeit vs. Austausch. In diesem Sinne wird’s wohl auch hier um die richtige Balance gehen, wie so oft im Leben…..

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Wer hat`s geschrieben ?

Trinity schrieb schon 155 Artikel auf tipblog.

Darum ging es im Beitrag:
    lieber den ball mal flach halten bayrisch | blog quellen angeben | blogs als quelle |

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1 Kommentar

  1. aucheinThom sagt:

    Zeitungen habe ich schon lange abbestellt. Nachrichten schaue ich aber trotzem klassich um 20 Uhr und in der Mittagspause lese ich im Web und morgens hör ich Frühstücksradio Nachrichten.

    Später so wie jetzt, lese ich aber lieber eigene Meinungen in Foren und Blogs zu den Themen die mich interessieren und da können die klassische Medien beeinflusst oder nicht / gut recherchiert oder nicht, “nicht” mithalten.

    Denn die Medien haben “keine ” eigene Meinung.