Schöne neue Schufa-Welt oder Social Media Fatamorgana?



Alles so schön unecht hier! Feiertagsgedanken zur Authentizität in Sozialen Netzwerken



Wenn ich mich in den sozialen Netzwerken bewege, mache ich mir erstmal mein Profil schön und lasse allerhand aufblitzen, was mir gefällt und womit ich mich identifiziere. Das erste Web-Profil meines Lebens war bei myspace und ich erinnere mich daran, tagelang Layouts ausprobiert zu haben, bis ich eins hatte, was zu mir passte. Ich habe auch stundenlang gestöbert, um genau die Videos in mein Profil zu stellen, die am besten meinen Spirit und meine aktuelle Weltanschauung zum Ausdruck brachten.

Ich hatte mir zwar einen „myspace-Namen“ zugelegt, aber auf meinem Profilfoto war natürlich ich zu sehen. Verbreitet habe ich das Ganze nie groß, es trudelten im Laufe der Zeit von selbst aus myspace Leute auf, die sich mit mir vernetzen wollten, weil ihnen mein Profil gefiel.

Ja, damals dachte ich, dass das so geht. Ich fabrizierte mir ein famos-freches Profil im Business-xing.com, ein privates bei Facebook mit lauter Bekannten und alten Freunden aus meiner Stadt und schließlich auch eins zum Zwitschern. Und wenn ich sie mal alle vergleiche, dann bin ich das schon immer selbst. Aber natürlich nicht ganz.

Von Gutmenschen, Sich-Auskotzern und dem, was dazwischen möglich ist

Internet @intuitivmedia.net

Von Anbeginn meiner virtuellen Existenz habe ich nicht verstanden, wie Menschen sich im Roten Faden der Gutmenschlichkeit verheddern können im Web. Da gibt es solche, die von morgens bis abends nur Liebesbotschaften, Liebeszitate, Liebesvideos und Liebesweisheiten posten – inflationär und der Wichtigkeit der einzelnen Botschaften in keinster Weise gerecht werdend. Ich bin nicht dafür, dass man über jede negative Erfahrung die man macht, Romane schreibt.

Das geht der Welt schon am 3. Tag auf die Nerven. Aber: ich meine, dass man im Social Media Bereich nur dann authentisch ist, wenn man auch mal Befindlichkeiten benennt, die unterhalb der Zone liegen, die Glücksforscher als flow bezeichnen.

Ich muss nicht en detail wissen oder erzählen, was mir passiert ist, manchmal reichen auch einfach Kommentare wie die besonders straighten eines meiner Facebook-Freunde aus,  so à la „bin so durch heute, ich brauch jetzt 3 Liter Bier und eine Couch“ oder „kurz vor Burn Out. Freibad, wer ist dabei ?!“ , um der eigenen Befindlichkeit auf positive Weise Ausdruck zu verleihen. Ich jedenfalls mag das, wenn einer nicht so glatt gebügelt daher kommt.

Sich innerhalb der Social Networks wortgewaltig auszukotzen finde ich irgendwie daneben. Ich -tolerant- muss zugeben, dass ich ein paar Leute nach dem 3. Posting à la „also, manche Menschen müssen erstmal selber auf die Fresse fallen, damit sie kapieren, was sie einem antun“ nicht mehr ganz so ernst nehmen konnte. Solche Hass-Postings kommen mir immer so vor, als würde einer sagen „..war halt sauer, da hab ich eben die Axt nach ihr geworfen“. Ich weiß nicht, aber auch wenn man andere nicht benennt, bleibt ein Bisschen von der Kacke, die man insgeheim über andere ausgießt auch im eigenen Profil kleben.

Andere Sprechen lassen und dabei nicht die eigene (innere) Stimme verlieren

recherche @intuitivmedia.net

Ein weiteres Phänomen, das mir im Zusammenhang mit Authentizität im Social Media Bereichaufgefallen ist, ist die „Technik“ des Zitierens zur Schärfung des eigenen Profils. Seien es nun Videos, die die eigene Meinung, Weltsicht ausdrücken, oder Sprüche, Gedichte, Geschichten, Blogartikel: man kann eigentlich heutzutage alles sagen, in dem man nichts sagt, sondern nur „Medien“ zusammen und zur Verfügung stellt.

Es ist, als wäre man ein Verleger. Man kann ganz frei wählen, was man veröffentlicht. Man entscheidet immer wieder neu, ob man etwas (weiter)verbreiten möchte oder ob man vielleicht sogar Dinge meldet, die einem gegen den Strich gehen.

Und ein Social Network Profil wird meines Erachtens erst dann zu einer Verlängerung der eigenen Person, wenn man im Kern sich selbst gegenüber integer ist bei allem, was man innerhalb des Netzwerks tut.  Ob das nun das Zitieren ist, oder eine eigene Meinungsäußerung.

Schufa will Daten aus Sozialen Netzwerken analysieren

Die Welle ist derzeit groß um die Pläne der Schufa, die Kreditwürdigkeit von Bürgern demnächst auch mittels Analyse von Facebook-, Xing- oder Twitter-Daten der jeweiligen User zu prüfen.

Wenn ich mir so ansehen, wie viele Leute bereits jetzt in meinen Netzwerken nur eine Seite ihrer Medaille zeigen, dann befürchte ich, dass die Sozialen Medien nicht authentischer werden, sollte die Schufa so was wie Facebook-Freundeskreis oder Xing.com-Gruppenbeiträge etc. analysieren.

Wo man früher ganz frei von der Leber weg unter Echtnamen eine Meinung kundtat und gemeinsam mit anderen neue Ideen entwickelte, könnten zukünftig Gruppenmitgliedschaften und Vernetzungen stehen, die nur noch scheinen sollen.

Vielleicht gäbe es auch virtuelle Massenselbstmorde und neue Netzwerke, in denen man sich eine ganz neue Bonitäts-Identität aufbaut, beispielsweise durch die Vernetzung mit einem Mogul oder Scheich oder mit Josef Ackermann.

Wie blöd kann man eigentlich sein, sowohl seitens der Schufa als auch der Wissenschaftler, die da grad die Umsetzbarkeit prüfen, außer Acht zu lassen, wie sich derlei auf die organische Vielfalt in Sozialen Netzwerken auswirken würde.

Da wird viel zu kurz gedacht, wenn man nur die Datenschutzrechtlichen Aspekte im Blick hat. Ich glaube, dass es ein soziales Phänomen ist, sich selbst besser darzustellen als andere, oder als man ist.

Wenn man quasi durch Schufa-Kontrolletis innerhalb eines Sozialen Netzwerkes dazu getrieben wird, sich mit Pfosten zu vernetzen, gegen die man am Samstag noch demonstrieren war, dann ist George Orwells Szenario vom Big Brother Staat wahr geworden.

Dann fehlen eigentlich nur noch Denunziationen und ein Schufa-Melde-Button, wenn der Kumpel einem die 30 Euro von letzter Woche noch nicht zurückbezahlt hat.

Schöne neue Schufa-Welt….

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Wer hat`s geschrieben ?

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Darum ging es im Beitrag:
    schufa denunzianten | blogkommentar liebesbotschaft |

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1 Kommentar

  1. Chloe-Lenne sagt:

    Das ist so Stasi-mäßig geworden. Nur das wir jetzt eben andere nicht mehr beschatten oder belauschen müssen. Wir klicken uns nur durch ihre Profile und finden heraus, wo sie sind, wie sie sich fühlen, wie sehr sie sich über das nächste Fußballspiel freuen usw.

    Soweit ich weiß, wurde diese Schufa Spionage abgeschafft, irgendein Unternehmen hat den Vertrag mit der Schufa gekündigt. Eben weil sich sehr viele darüber aufgeregt haben.

    Wer weiß, wie das mit dem Internet Leben weitergeht…