Privatinsolvenz, na und?! what’s your next project?





„Einen Versuch wagen und dabei scheitern bringt zumindest einen Gewinn an Wissen und Erfahrung. Nichts riskieren dagegen heißt einen nicht abschätzbaren Verlust auf sich nehmen – den Verlust des Gewinns, den das Wagnis möglicherweise eingebracht hätte.“ Chester Barnard

Fast 62.000 Privatinsolvenzen im ersten Halbjahr 2009 (P2News, Schulden-barometer) sowie 6.765 Firmeninsolvenzen im 1. Quartal diesen Jahres (Quelle: Bürgel) lassen mich vermuten, dass ich mich völlig zu unrecht wie ein Vollidiot gefühlt habe bisher. Und vor allem erkenne ich, dass ich nicht allein dastehe mit meiner Verbraucherinsolvenz.

Nach einer Pleite mit meiner Einzelfirma in 2000 habe ich den Gang zum Insolvenzgericht zunächst jahrelang vor mir her geschoben. Dies, weil ich zutiefst davon überzeugt war, wieder eine Festanstellung zu finden und dann meine Gesamtschulden von ca. 60.000 Euro zurückzuzahlen. Als ich nach 5 Jahren immer noch keinen vernünftigen Job gefunden hatte, habe ich den Weg zur Schuldnerberatung gesucht und Ende 2005 das Insolvenzverfahren beantragt.

Mal ganz abgesehen davon, dass es ziemlich anstrengend ist, ein „normales“ Leben zu führen, wenn man negative Schufa-Einträge hat, wurde ich im Laufe der Jahre auch immer wieder mit der gnadenlosen Stigmatisierung konfrontiert, die Menschen mit Schulden in Deutschland anhaftet. Jetzt, ich befinde mich in der sogenannten Wohlverhaltensphase, die im besten Fall 2013 zu einer Restschuldbefreiung führt, ist es fast noch schlimmer, denn jetzt ist es ja amtlich: ich bin „in Insolvenz“.

Sei es nun ein Schuldenberater, der auf meine Frage, wieso mein Treuhänder am Telefon nicht mit mir über meine aktuelle Finanzplanung sprechen will, meint: der Treuhänder sei ja wohl nicht mein Sozialarbeiter, oder ein potentieller Arbeitgeber, der beim Wort Insolvenz und Gehaltspfändung meine Bewerbungsmappe gleich wieder schließt: Es ist ein beschissenes Gefühl, so abgefertigt zu werden, wie ein Vollidiot und sich insofern nicht dagegen wehren zu können, als dass ich ja in der Bringpflicht bin, man sitzt am längeren Hebel.

Mir ist aufgefallen, dass es eine Menge Leute gibt, die selber so große Angst vorm Scheitern haben, dass sie denjenigen, die ein Risiko eingegangen und damit vor die Wand gefahren sind, keine Chance auf Augenhöhe geben wollen. Und für mich liegt die Stigmatisierung von Insolvenz und Schulden ganz allgemein in Deutschland genau in dieser eigenen Angst begründet. Spucke ich jemandem, der in Insolvenz ist, symbolisch betrachtet auf den Kopf, grenze mich von ihm ab, dann vertreibe ich damit sozusagen meine Angst.

Fakt ist jedoch, dass nicht ich als Insolvenzler dafür zuständig bin, die emotionalen Abgründe & Ängste derjenigen, die keine Schulden haben, zu heilen. Nee. Ich habe mich nur um meine Finanzbaustelle zu kümmern und werde auch ab sofort nicht mehr bei dieser „Du Schuldner-Ich Safe“-Hochmut mitspielen. Ich sage nur: Hochmut kommt vor dem Fall. Mein ehemaliger Arbeitgeber, der Inhaber der Firma, für die ich vor meiner Pleite tätig war, musste vor einigen Monaten selbst das Ruder an einen Insolvenzverwalter abgeben. Auch er hatte damals die Nase gerümpft, als ich meine Bauchlandung machte. So schnell kann es gehen und man befindet sich selbst plötzlich in der Lage, die man zuvor so sehr verurteilt hat.

Es ist mir lange Zeit schwergefallen das so zu sehen und zu benennen, weil ich natürlich selber Schuldgefühle wegen meiner Firmenpleite hatte. Aber es sind jetzt echt genug Jahre ins Land gezogen, in denen ich mehr oder weniger gebückt durch meine Existenz gekrochen bin. Mir reicht’s. Ich werde gerade freiberuflich tätig und werde mich bis auf die rechtlichen und finanziellen Richtlinien, die ich zu beachten habe, nicht länger um ein Stigma kümmern, was auf der Angst anderer basiert.

Ich habe durch mein Scheitern unglaublich viel gelernt. Das Abbezahlen meiner Schulden betrachte ich als Anzahlung auf die unbezahlbare Lebensweisheit, die mir durch meine Erfahrung zuteil wurde und mit der ich heute anderen Menschen Mut machen kann. Stresserprobt und Krisenfest komme ich aus dieser Erfahrung raus.

Ich betrachte eine selbständige Tätigkeit im Rahmen einer Insolvenz als next level im Videospiel des Lebens: klar ist alles etwas schwieriger, als ohne Insolvenz, und klar, habe ich viel mehr Hindernisse und Dinge zu beachten. Aber so ist das eben, wenn man weiterkommen will.

Ein US-Amerikaner fragte mich mal, als ich ihm mit typisch Deutscher Schuldhaftigkeit von meiner Firmenpleite erzählte: „And what’s your next project?“

In diesem Satz steckt alles drin, was jemand, der pleite gegangen ist – sei es nun unternehmerisch oder privat – braucht, um vor allem emotional wieder auf die Füße zu kommen. Das Selbstverständnis, dass es sich bei einer Pleite eben nicht um einen Makel handelt, sondern um einen ganz natürlichen Vorgang des Lebens. Eine Erfahrung, durch die man lernt und eine Chance für einen Neubeginn.

Es geht mir hier nicht um Beschönigung oder Rechtfertigung meiner früheren Fehler.
Ja, ich habe 1998 einen großen Kredit aufgenommen, um mich in meinem Beruf selbständig zu machen, einen Arbeitsplatz einzurichten. Und ja, ich brauchte eigentlich keine 30.000 DM. Aber auch ja, bot mir die Bank damals ausschließlich ein solch hohes Startup-Förderdarlehen der Landesbank an, da ich keinerlei Sicherheiten für einen Privatkredit hatte. Und noch mal ja, ich war nach 2 Jahren zahlungsunfähig, woraufhin mir so ziemlich alles, was ich hatte, um die Ohren flog.

Nicht nur, dass ich meinen Traum vom Traumjob auf selbständiger Basis aufgeben musste. Ich habe zudem einen Nervenzusammenbruch gehabt, meine Wohnung damals aufgeben müssen, mein Auto abgegeben und habe monatelang auf dem Sofa von allen möglichen Freunden übernachtet, weil ich rein gar nichts mehr auf die Reihe bekam. Denn: auch ich hatte in meinem früheren Denken Scheitern so weit von mir gewiesen, dass ich in dem Moment, wo es an meine Tür klopfte, quasi in totale Ohnmacht verfiel.

Nach 9 Jahren, gewachsen und selbstbewusster, bin ich heute bereit, wieder ein Risiko einzugehen, um meine Träume zu verwirklichen und mich vor allem nicht von einer Mentalität, die nur eine Seite der menschlichen Medaille zulässt, runterziehen zu lassen.

Ich möchte allen, die hohe Schulden haben, raten, sich dessen nicht zu schämen, sich beraten zu lassen und ggf. frühzeitig das Insolvenzverfahren zu beantragen. Die Verbraucherzentralen bieten kostenlos und unabhängig die Begleitung durch die Phase vor dem Antrag sowie in der Zeit bis zur Restschuldbefreiung an.

Arbeitet mit jemandem zusammen, dem ihr vertraut. Mit jemandem, der nicht mit kleinen Subtilitäten Euer Selbstwertgefühl unterwandert, nur weil er aufgrund seines Mehrwissens die Macht dazu hat. Hört hier auf Euren Bauch und vor allem: macht Euch, was das Verfahren betrifft, die Wohlverhaltensphase und Eure Pflichten, auch selber schlau! Das Netz ist voll von Foren und beim Amtsgericht, bei dem Euer Fall liegt, kann jederzeit Akteneinsicht verlangt werden. Dort kann man auch konkrete Einzelfragen stellen. Wenn man freundlich ist und gezielt fragt, wird einem vom Rechtspfleger auch Auskunft erteilt. Mir selbst hat ein mehr an Information sehr geholfen, die richtigen Fragen zu stellen und wieder mit geradem Rücken durch die Welt zu laufen.

Gerne weise ich auch auf die Initiative der anonymen Insolvenzler hin, die von Attila von Unruh ins Leben gerufen wurde, der selber in Insolvenz gehen musste und heute betroffene Privatpersonen als auch Unternehmern ein anonymes Gesprächspodium in verschiedenen Städten bietet.

Es ist meist nämlich nicht damit getan, die rechtliche Seite eines solchen Lebensumstandes vernünftig zu handhaben. Diese Gesprächskreise bieten Raum für den Austausch über die emotionale Seite der Pleite, die manchmal genau der Faktor ist, der einen am Wieder Aufstehen hindert.

Zu guter letzt empfehle ich noch das Buch „Insolvent und trotzdem erfolgreich“ von Anne Koark, die ihren Weg durch die Insolvenz ihres Unternehmens beschreibt und auch auf die Faktoren eingeht, die normalerweise tabuisiert sind: Selbstwertgefühl, und soziales Leben. Ein Mutmacher-Buch für alle, die unternehmerisch in der Krise stecken.

Ich wünsche allen viel Glück und Kraft auf was für einem Weg auch immer.

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Wer hat`s geschrieben ?

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Darum ging es im Beitrag:
    insolvenz na und | EinzelFirma pleite Familie ruin | privatinsolvenz gläubigerschutz |

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8 Kommentare

  1. Sven sagt:

    Na denn wünsche ich dir viel Erfolg, sowohl für dein neues Projekt, wie auch für die Zeit bis 2013, was ja doch noch ziemlich weit weg ist. Ich bin mir sicher, wenn du es richtig willst (dein neues Projekt) dann schaffst du es auch.

    Lieben Gruß
    Sven

  2. Trinity sagt:

    Hallo Sven, danke für die guten Wünsche. Das ist jetzt eine Frage der Haltung, wie so ziemlich alles im Leben:-)

    Ich meine einfach, dass jemand, dem ein Bein fehlt, ja deshalb auch nicht darauf verzichten muss, auf eine Bühne zu steigen und jemand, der insolvent ist genausowenig darauf verzichten muss, das zu tun, was er liebt. Es waren mal 6, jetzt sind’s bald nur noch 3 Jahre. Es gibt Dinge, die viel schlimmer wiegen, als ein paar Jahre eine finanzielle Einschränkung hinzunehmen. Und ich finde es ist Zeit, dass die Leute, die mit dem Stigma Insolvenz leben, sich aufrichten und der Welt zeigen, was sie draufhaben:-)

  3. Markus sagt:

    Drück Dir auch alle Daumen. Immer vorwärts schauen.

  4. koenich sagt:

    Hallo Trinity, nur Mut zu neuen Taten. Ich bin im April nächsten Jahres mit meiner Insolvenz durch. Ich habe auch das erlebt was du schreibst, das große Problem ist das man mit dem Gefühl “versagt zu haben” selber fertig werden muß. Eine Pleite muß kein Makel sein, man muß nur wieder auf die Füsse kommen. Das Umfeld lässt einen oft genug verzweifeln, Banken, Behörden etc. die behandeln einen zum Teil wie einen Straftäter, das ist schon hart. Das sind aber die einzelnen Personen. In Deutschland hat man aber Gott sei dank auch als insolvente Person Rechte, man muss nur wissen welche, und sie einfordern. Sei es ein Guthabenkonto oder ähnliches. Aber wenn man schon gedanklich soweit ist wie du, dann hat man das gröbste schon geschafft, jetzt sind es nur noch Geld und Zeit die man hinter sich bringen muß.
    Grüße aus dem Ruhrgebiet
    koenich

  5. BHF sagt:

    dann wünsche ich mal alles gute für die zukunft. ich glaube die amis haben eine andere einstellung, in diesem fall eine bessere.

    Bernd Helmut Frank

  6. Trinity sagt:

    Ihr Lieben, nicht nur in den USA haben die Menschen eine andere Einstellung. Auch in Frankreich, England, Spanien etc. Da wird auch ganz offen über Gehalt etc geredet, OHNE dass man Angst haben muss, dass jemand vor Neid gleich zum geistigen Killa wird:-) Aber: nicht alles ist nur schwarz oder weiß. Man lebt mit den Licht UND den Schattenseiten einer Mentalität und oft genug hat man ja selbst auch schon Urteile über andere gefällt, das nehme ich mal an. Ich persönich habe aus der Situation mein Lektion gelernt. Vor allem, dass es Sinn macht, klein anzufangen, spielerisch statt großkotzerisch mit kleinen Projekten zu beginnen, die allen Beteiligten Spass machen und bei denen sich Erfolg (auch in Form von Geld) peu à peu einstellt.

    Wie Koenich schon sagte, muss jeder selbst für die richtige Einstellung zu seinen Schulden oder seinem Scheitern entwickeln. Diese Hürde ist die größte, meine ich. Aber einmal genommen, kann man in der Tat auch mit den Restriktionen einer Insolvenz neu beginnen und erfolgreich sein. Ich betrachte es wie the “next level” in my game: alles was schneller, was schwieriger, aber dennoch zu schaffen. In diesem Sinne: was uns nicht umbringt macht uns nur stärker …und kreativer:-) Auch Euch alles Gute!

  7. Andy sagt:

    Top! Dir auch, meins läuft 2015 aus, bin leider so dermaßen auf Kredithaie herein gefallen das ich Anfangs 11500€ “Schulden” hatte, nachdem ich einen Rechtsstreit gewonnen hab sind es “nurnoch” 4000-5000€. Naja, jetzt mach ich erstmal meine Ausbildung nach und dann möchte ich mich selbständig machen.

    Viel Glück, bei Deinem Lebensweg :-)

    Gruß Andy

  8. rainer sagt:

    sind wir wirklich generalschuldner?
    sind wir allein schuld?
    die banken verursachten lotteriehaften staatsruin und schmeissen sich noch millionen
    hinterher
    wir haben kein geld für klagen-viele sind nicht alleinschuldig-
    darf ein staataruinierende bank über mich -gläubigerschutz-urteilen?
    die europäische insolvenz dauert 2 jahre
    mein tipp
    5000 E über die familie besorgen und die europäische insolvenz leben
    unsere insolvenz dauert 10 jahre mit schufabefreiung
    wir sind 11 millionen schuldner- nur die parteien wählen, die die eurpäische insolvenz
    befürworten-
    ich schrieb alle an-verfassungsgericht u.s.w-.
    sie behandeln mich, wie den letzten dreck und verurteilen mich ohne urteil.f