Leben in Zeiten von AIDS – oder: weißt DU, ob du gesund bist?





Als ich ungefähr 14 war, eine ganze Weile, bevor ich zum ersten Mal Sex hatte, erzählte mir ein Klassenkamerad, dass es eine neue „Lustseuche“ gäbe, die sich „sogar beim Küssen übertrage“. So schien er es damals in einer Zeitung gelesen zu haben und klar, dass das Thema für uns Pubertierende brandheiß war.

Das war die Zeit, in der erstmals in der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, dass es das HIV Virus gibt, nachdem 1981 das Center for Disease Control in Atlanta erstmals vom Acquired Immune Deficiency Syndrome (AIDS) berichtete, welches den Forschern zu Folge damals bereits seit vielen Jahren unerkannt existierte.

1984 wurde dann der erste Antikörpertest vorgestellt und die ersten Aufklärungsbroschüren des Gesundheitsministeriums gingen seinerzeit sogar an alle bundesdeutschen Haushalte.

Welt Aids Tag

Welt Aids Tag

Ohne jetzt hier noch weiter auf die Geschichte von AIDS in unserer Gesellschaft eingehen zu wollen, muss ich dennoch bemerken, dass das Thema immer und überall präsent war, seit ich meine Pubertät abfeierte. Jeder hat wohl die Entwicklung der wissenschaftlichen Forschung, neue Ergebnisse, die Einführung des Weltaidstages am 1. Dezember und die grausamen Auswirkungen bei an AIDS erkrankten Menschen mitbekommen.

Welt Aids Tag

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Ich selbst, wie sicherlich viele andere Menschen auch, habe mein Sexualverhalten im Grunde immer unter der Prämisse gestaltet: mit wem gehst Du da ins Bett? Bei meiner ersten langen Beziehung mit ca. 19,20 war AIDS zwischen uns kein Thema. Wir waren ja exklusiv miteinander zusammen und treu. Als ich nach 2 Jahren erfuhr, dass mein damaliger Freund ziemlich oft mit anderen Frauen geschlafen hatte, während wir zusammen waren, war ich nicht nur zutiefst verletzt sondern auch richtig sauer. Denn: er hatte mich in Gefahr gebracht, mich zu infizieren OHNE mir die Chance zu lassen, mich selbst für oder gegen das Risiko zu entscheiden.

Damals habe ich dann auch beschlossen, dass ich selbst nie so was bringen würde.
Ich meine damit gar nicht mal unbedingte Treue über alles. Nein, ich habe beschlossen, dass ich mir immer und zu jeder Zeit SICHER sein will, dass ICH nicht HIV infiziert bin – BEVOR ich mit jemandem ohne Kondom schlafe.

Wie habe ich das gemacht? Tja, als jemand, der Kondome richtig ätzend findet habe ich mir da etwas auf die Fahne geschrieben, was manchmal echt anstrengend und auch verunsichernd ist. Denn: wenn ich kein Gummi benutzen will, dann muss ich mir SICHER sein, gesund zu sein UND dass mein Sexualpartner gesund ist, was wiederum voraussetzt, dass dieser sich ebenfalls sicher ist. Und das setzt natürlich voraus, dass ich ihm entweder blind vertraue oder -im Besten Fall- dass er seine Gesundheit auch hat testen lassen.

Hört sich kompliziert an, ja. Vielleicht meinen auch manche, dass es ein Abturner ist, so an die Dinge heranzugehen. Ich habe allerdings festgestellt, dass es für mich nicht mehr passt, mir erst im Eifer des Bettgeschehens die Fragen zu stellen, die zu klären im Vorfeld wichtig ist.

Die Existenz von HIV und der AIDS Erkrankung in dieser Welt hat in meinem Fall dafür gesorgt, dass sich gewissen Ansprüche an einen Sexualpartner stelle, auch an diejenigen, mit denen ich einfach nur mal so ins Bett gehe. Das kommt nicht so oft vor, aber es passiert doch oft genug, um ein Thema zu sein.

Es gibt in meiner Stadt beim Gesundheitsamt eine AIDS-Test Stelle, wo man kostenlos und anonym testen kann. Die Dame dort kennt mich seit Jahren, denn ich teste quasi nach jeder „Kurzbeziehung“, in der ich ungeschützten Verkehr hatte. Ich war jetzt einige Jahre Single und es bleibt nicht aus, dass ich mit jemandem eine kurze Geschichte anfange, die im Bett beginnt und nach einige Wochen oder Monaten wieder vorbei ist.


Sex ohne Gummi ist immer ein Risiko und daher lasse ich mich nach jeder „Affäre“ testen und noch mal 3 Monate nach dem letzten Test. Damit erlege ich mir selber auf, mich in den Zwischenzeiten neu zu orientieren, was meine Haltung zu Gummis, zu Liebe, zu Vertrauen und auch zu meinem eigenen Körper betrifft, denn: ich lasse ja testen, ob ich mich infiziert habe oder nicht. Das impliziert, dass mir das Risiko bewusst ist und das wiederum führt mich in den Zwischenzeiten auch immer wieder dazu, mich zu Sex und Vertrauen neu einzustellen.
In den 3 Monaten zwischen den beiden Tests habe ich keinen ungeschützten Verkehr, logisch, ich lass mich ja grad testen, weil ich mir nicht sicher bin.

Meistens nehme ich mir dann vor, beim nächsten Mann definitiv darauf zu bestehen, dass er einen Test macht oder gemacht hat. Aber ganz ehrlich: wie oft kommt es vor, dass wir uns soviel Zeit für’s Kennenlernen und Vertrauen aufbauen lassen, dass das Thema AIDS/Test locker und selbstverständlich behandelt wird und nicht als rotes Tuch oder Abturner gesehen wird?

Im Laufe der Jahre bin ich jedoch immer konsequenter geworden, was das Thema betrifft. Ich habe so einige Male ganz auf Sex, eine Affäre verzichtet, weil ich a. keine Lust auf Gummi hatte und b. der Mann das Thema AIDS ausklammerte oder behauptete, ach, er doch nicht. Für mich ist der Umgang mit AIDS ein Prozess, den jeder Mensch, der Sex hat oder haben will durchläuft. Ich glaube, dass es vor allem um Bewusstheit geht, und wenn man in diesem Entwicklungsprozess hin zu einem verantwortungsvollen Umgang mit sich selbst und Sexualität gesund bleibt, dann ist das sicherlich eher Glück.

Mit passiert es immer mal wieder -obgleich ich selbst immer auf dem Neusten Stand meiner Gesundheit bin, dass ich mit jemandem im Bett lande, der mir nicht garantieren kann, dass er gesund ist. DASS sind meine Entscheidungsmomente. Und ja, da entscheide ich mich oft gegen ein Gummi und für Vertrauen. Aber ich wünsche mir echt, dass immer mehr Menschen dieses Vertrauen nicht nur vorgestreckt bekommen müssen, sondern so sicher sind, wie ich mir nach dem Test, dass sie nicht mit HIV-infiziert sind. Ich gehe da einfach mal vor und behaupte, der AIDS-Test wird in einigen Jahren so normal sein, wie die Vorschuluntersuchung.

Nicht jeder findet früh im Leben DEN Partner für’s Leben. Viele Menschen haben manchmal über mehrere Jahre wechselnde Sexualpartner. Die Natur hat uns wohl so programmiert, dass wir diesen Trieb haben, auch wenn kein fester Partner da ist und Sexualität ist ja auch ein wunderbarer Ausdruck für Nähe und Intimität.

Die Existenz von AIDS hat in meinen Augen also durchaus auch eine Message in die Welt gebracht, die meines Erachtens nach den Zeiten freier, ungehemmter Sexualität in den späten 60ern und 70ern durchaus Sinn macht: Sexualität ist eben nicht nur Sex. Wir selbst können uns entscheiden, mit welcher Haltung wir Sex haben. Gehen wir auf Nähe und Verschmelzung, die Intimität, die großes Vertrauen voraussetzt – was für mich eine seelische und emotionale Angelegenheit ist, oder leben wir unsere Sexualität ausschließlich im Körper, der ja nun mal so von den biologischen Trieben gesteuert ist, dass unser Geist dabei ausgeschaltet ist?

Ich meine, dass beides durchaus bestehen darf, dass es jedoch Sinn macht, sich dahingehend selbst zu hinterfragen, welche Art von Sexualität man gerade anstrebt und hat. Und danach, nach dem Erkennen der eigenen Haltung, entsprechend verantwortungsbewusst zu handeln.

Ich kann in einer Zeit, in der die Infektionsrate wieder nach oben geht, weil die Menschen sich scheinbar aufgrund der neuen Behandlungsmethoden von AIDS sicherer fühlen oder vielleicht auch die jahrelange Massenpanik verdrängen wollen, nur empfehlen, einfach locker zu sein und sich regelmäßig testen zu lassen.

Wie gesagt, ich kann hier nur aus meiner Erfahrung sprechen: kein Kind von sexueller Traurigkeit ist das regelmäßige Testen für mich Routine geworden. Es gibt mir ein gutes Gefühl, mit Sicherheit sagen zu können, dass ICH gesund bin -durch die Tests, die nach 3 Monaten noch mal wiederholt werden- und dies wiederum bringt mich auch immer öfter mit Partnern in Berührung, die ebenfalls zuverlässig mit der Thematik umgehen. What you give is what you get – so erlebe ich das.

Menschen, die aus einer festen Partnerschaft heraus fremdgehen, ohne Gummi, die ihrem Partner nichts davon sagen, setzen damit einen anderen Menschen einem Risiko aus, welches sie selbst eingehen. Das find ich richtig Scheiße. Nicht das Fremdgehen ist hier das Thema, sondern dass man so etwas in eine Beziehung reinschleppen könnte, von dessen Risiko der Partner gar nichts ahnt.

Leute, die in Swinger-Clubs verkehren, können sicherlich bestätigen, dass hier nicht nach der Vorlage eines negativen Testergebnisses gefragt wird. Hier wird sich darauf verlassen, dass andere -so wie man selbst- verantwortlich mit dem Thema AIDS umgehen. Ob sie dies allerdings tun? Tja. Risiko.

Menschen, die oft den Sexualpartner wechseln, wissen, dass sich ihr Ansteckungsrisiko durch ungeschützten Verkehr erhöht und auch hier liegt es wieder daran, wie der EINZELNE mit seiner Verantwortung umgeht.

Vögeln ist ne feine Sache. Die Verantwortung, die damit einhergeht ist für mich nicht nur Ehrensache sondern hat auch damit zu tun, dass ich ganz gerne gesund und munter noch einige Jahrzehnte lang durch mein Leben hoppeln will.

Die Gesundheitsämter bieten einen kostenlosen und anonymen AIDS-Test an. Die einzigen Personen, die einem dabei begegnen, sind der Berater und der Arzt, der einem das Blut abnimmt. Man muss sich einen Fantasienamen aussuchen, oder die Identifikation wird nach Anzahl der Buchstaben im Namen zusammengewürfelt. Nach ca. 1 Woche kann man sich dann mit dieser Identifikationsnummer wieder melden und erfährt sein Ergebnis. Es macht großen Sinn, den Test 3 Monate nach dem ersten Test zu wiederholen, weil die Infektion auch noch nach dem letzten Sex mit einem Risikopartner erfolgen kann.

Wie gesagt, ich find das inzwischen easy, die Frau beim Gesundheitsamt kennt mich und mein Motiv, mich ab und zu testen zu lassen und findet das gut.

Ansonsten wird man auch im Rahmen jeder Blutspende auf HIV, Hepatitis A, B, und C, AIDS, Syphilis, Eisenanämie etc. gestestet und man sollte darum bitten, die genauen Werte zu erfahren, wenn das Blut untersucht wurde. Hier wird keiner schräg gucken, dass ist was ganz Normales.

Es gibt also keinen Grund heutzutage NICHT sicher zu wissen, ob man gesund ist oder nicht, außer völliger Ignoranz oder einer Hemmung, die in meinen Augen auf einer persönlichen Schwäche beruht und daran kann man arbeiten.

In diesem Sinne wünsche ich Allen großartigen, wilden, hemmungslos geilen Sex. Und: das Danach und Dazwischen fühlt sich um Längen besser an, wenn man genau Bescheid weiß. Das ist zeitgemäß finde ich und in meinem Leben jedenfalls etwas ganz Normales inzwischen.

[teilen]

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Darum ging es im Beitrag:
    lustseuchen swingerclub | swingerszene aids | mit aids umgehen und leben |

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1 Kommentar

  1. Tine sagt:

    Deine Art von Safer Sex wäre mir definitiv zu heikel und zu umständlich, zumal du erst weißt, was Sache ist, wenn es schon zu spät ist. Außerdem gibt es noch vieles anderes, was man so einfangen kann. Nein Danke, dann doch lieber mit Gummi.