Kündigung „Üblich“ heißt nicht erlaubt





In letzter Zeit häufen sich die Medienberichte über Kündigungen, die aufgrund von „Vergehen“ am Arbeitsplatz ausgesprochen wurden.

Jeder hat sicher vom Fall der Kassiererin gehört, die wegen eines Pfandbons rausflog, den sie, statt ihn sofort zu den anderen an der Kasse zu packen, in ihrer Kitteltasche vergessen hatte. Oder jetzt die 58-jährige Altenpflegerin, die übriggebliebene Maultaschen mitnehmen wollte und der wegen Diebstahls gekündigt wurde.

Ich war ja nun nicht dabei, kann also auch nicht wirklich beurteilen, ob es sich bei diesen „Vergehen“ um Einzelfälle oder Gewohntheiten der betreffenden Angestellten handelt. Eins jedoch weiß ich genau: für einen Arbeitgeber, der mich wegen 6 Maultaschen rausschmeißen würde, hätte ich so gar keine Lust zu arbeiten.

Vor einigen Tagen sah ich ein Interview mit jemandem aus einer Werbeagentur. Der meinte zu derlei Kündigungen und Vorfällen befragt, dass es in seiner Branche oft vorkäme, dass ein Mitarbeiter sich einen Block oder Stifte mit nach Hause nähme. Man wolle ja, dass die Kollegen auch zu Hause gute Ideen haben, daher sei so etwas überhaupt kein Problem. Na, wahrscheinlich fliegt man da raus, wenn man keine gute Ideen hat, obwohl man einen Block mitgenommen hat.

Nun geht es sicherlich vielen Menschen in dieser Zeit so, dass sie aufgrund fehlender Qualifikationen oder einfach weil sie in anderen Bereichen ausgebildet sind, nicht in einer coolen Branche arbeiten können, wo es zum Alltag gehört, den Job und das Arbeitsmaterial ungestraft mit nach Hause nehmen zu können.

Und gerade weil wir uns in einer Zeit befinden, in der selbst in einer kleinen Stadt auf eine Bürostelle im Getränkegroßhandel 200 Bewerbungen eingehen, finde ich, dass es an der Zeit ist, mal die Mentalität der Arbeitgeber unter die Lupe zu nehmen und als potentieller Arbeitnehmer eine Wunschliste anzufertigen, was für Bedingungen man in einer neuen Arbeitsstelle für sei Wohlbefinden braucht.

Kürzlich hatte ich mal ein Vorstellungsgespräch, bei dem der Inhaber der Firma mir im 2. Satz mitteilte, dass er 150 Bewerbungen auf das betreffende Stellenangebot erhalten habe. Und dass er daher jetzt 10 Bewerber ausprobieren wolle. Über einen Zeitraum von 3 Monaten und mit einem Gehalt, was bei einer Wochenarbeitszeit von 20 Stunden bei ca. 6 Euro brutto in der Testphase lag. Danach würde erhöht. Wieviel? Das konnte er noch nicht beziffern. Wie gesagt, er brachte deutlich zum Ausdruck, dass er so viele Interessenten hat, dass er spielend jemanden finden würde, der für dieses Gehalt anfangen würde. Unser Gespräch verlief ganz gut. Aber als ich danach nach Hause ging wusste ich, dass ich für den Mann nicht arbeiten werde. Und das ganz einfach, weil er die Arbeitsmarktsituation und die Notlage der Bewerber ausnutzte um seinen Profit zu vergrößern.

Ich habe mal in einem Restaurant gearbeitet, in dem außerhalb des Services
so ziemlich alles drunter und drüber ging. Im Keller vor der Waschmaschine stapelte sich die schmutzige Wäsche aus der Küche, olle Fettlappen und Schürzen um- schwärmt von einem Schwarm Fliegen. So trat ich meinen ersten Dienst an. Alles Mögliche blieb liegen, weil der Chef es nicht auf die Reihe bekam, die Mitarbeiter dazu anzuhalten, z.B. die Waschmaschine mal anzuschmeißen. Von Anfang an habe ich das gemacht, weil ich den Zustand da unten so eklig fand. Das wäre ein Fall für’s Ordnungsamt gewesen, wäre das so geblieben. Im Laufe der Zeit haben dann auch die anderen Kellnerinnen zu Schichtbeginn Wäsche eingelegt und schließlich habe sogar die Küchenleute ihr Zeug nach der Arbeit selbst in die Maschine gesteckt.

Mein Chef hat darüber kein Wort verloren. Aber er hat uns immer schön gescheucht und angemotzt während des Restaurantbetriebes, weil er nicht mit dem Stress in seiner Küche umgehen konnte. Das war ganz klasse: man will den Gästen gegenüber offen und freundlich sein und jedes Mal, wenn man Essen in der Küche abholt, wird man angeschissen für nix. Ich habe mir das 8 Wochen lang reingezogen, obwohl ich ein Riesenproblem mit diesen Bad Vibes aus der Küche hatte. Fast hätte ich mich wie ein Opfer der Umstände gefühlt, bis ich eines Tages klarhatte: That’s it!
Ich habe ihm gesagt, ich hätte was anderes gefunden, besser bezahlt. Er ließ mich auch gehen, war ja ein Aushilfsjob. Einige der alten Kolleginnen haben ebenfalls gekündigt im Laufe der Zeit. Einige sind immer noch da und fühlen sich als Opfer.

Für mich war die Erkenntnis wichtig, dass ich selbst es in der Hand habe, von wem ich mich fremd bestimmen lasse, ob ich mich zum Opfer mache. Für jemanden zu arbeiten, der respektvoll mit mir und meinen Kollegen umgeht, der Anerkennung zollt für das, was man gut macht und der an sich selbst arbeitet, fühlt sich ganz anders an, als für jemanden, der seinen Frust bei seinen Angestellten ablädt, der Mobbing säht und der auch noch meint, einem was Gutes zu tun, in dem er einem 6,50Euro pro Stunde zahlt für einen Knochenjob.

Ich meine, wenn man 8 Stunden oder mehr am Tag in eine Situation reingeht, dann muss die menschliche Ebene stimmen. Denn für mich ist inzwischen klar, dass mir mein Seelenfrieden wichtiger ist, als Geld. Es ist erwiesen, dass viele viele Menschen krank werden, weil die Arbeitsbedingungen nicht ganz in Ordnung sind für sie. Und dabei ist es völlig egal, ob die Kohle stimmt. Den ganzen Tag unter Argwohn und Überwachung zu stehen, wenn man antanzt, um einen guten Job zu machen, steht in keinem Verhältnis. Und doch ist dies oftmals der Fall.

Vielleicht lernen die Menschen ja dazu, wenn sie lange genug Opfer waren. Und vielleicht lernen auch Arbeitgeber dazu, wenn in Ihrem Unternehmen Misstrauen statt Vertrauen gedeiht. Ich kann nicht wirklich beurteilen, was in den Fällen Sache war, die durch die Medien gingen. Allerdings sprechen die Situationen bereits eine Sprache, die mich aufgrund ihrer Nichtigkeit an ein Machtgefälle zwischen Arbeitgeber und Angestellten denken lassen, was nicht gesund sein kann.

Ich glaube sowieso, dass immer mehr Menschen in der nächsten Zeit ihre wahre Berufung entdecken und dem System, welches derzeit vorherrscht, den Rücken kehren, um selber etwas auf die Beine zu stellen. Setzt sich eines Tages beispielsweise das bedingungslose Grundeinkommen in Deutschland durch, fällt das derzeitige Kartenhaus, in dem einer die Macht hat und der andere nur wie eine Marionette funktionert, sowieso komplett in sich zusammen. Niemand wäre mehr der Willkür eines Chefs oder ARGE-Mitarbeiters ausgeliefert.

Die Zukunft gehört den Freien, die mit Mikro-Projekten ihr Herzensding und damit die Welt ein Bisschen schöner machen. 6 Maultaschen, ja? Hm.
Leute, ich geh schon mal vor.

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Darum ging es im Beitrag:
    social media kündigung branchen | vorstellungsgespräch bei etracker | arbeit mit nach hause nehmen erlaubt? |

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