Feuchtgebiete, Schoßgebete und Geheimes Verlangen



Wie explizit hätten wir es denn gerne?



Mit ihrem ersten Roman „Feuchtgebiete“ schockte die Autorin Charlotte Roche 2008 bereits die Nation. Roche beschreibt in dieser Geschichte sehr explizit provokant die Erfahrungen der 18jährigen weiblichen Hauptperson mit sexueller Selbsterfahrung und einer etwas schrägen Auffassung von (Intim)hygiene.

„Feuchtgebiete“ war 2008 trotz des faktischen Ekelfaktors beim Lesen DER Bestseller des Jahres. Über 6 Monate stand der Roman an der Spitze der Literaturcharts, verkauft wurden an die zwei Million Exemplare. Seinerzeit gingen eine Menge Kritiker ob der im Buch beschriebenen Ekelhaftigkeiten auf die Barrikaden. Inzwischen ist die Geschichte schon Vorlage für eine Theaterinszenierung gewesen und es scheint echt eine Zielgruppe für den Themenkomplex Analfissuren, Menstruation und Hämmorhoiden zugeben, denn auch vom ZDF wurde eine Verfilmung des Stoffs angekündigt. Mal schauen, wie die das Ganze für’s TV entschärfen wollen…oder gibt’s den Film schon und ich hab’s nur nicht bemerkt??

Eine Nachbarin hatte mir das Buch seinerzeit geliehen mit den Worten „Hier, lies das mal. Aber ich warne dich gleich, es ist ziemlich eklig.“. Und so empfand ich es auch. Ich erinnere mich noch gut, wie ich den Roman immer so nach ca. 10 Seiten mal wieder auf die Seite legen musste, um mich zu dem gerade Gelesenen neu einzustellen. Denn in „Feuchtgebiete“ ist so ziemlich alles, was man normalerweise lieber für sich behält bzw. was einen würgen lässt an körperlichen Ausscheidungen oder Erscheinungen so bildhaft und ausführlich beschrieben, dass man zwischendurch einfach Erholungspausen machen muss.

Trotzdem finde ich, dass so ein offenes Buch (dass zugleich auch noch jede Menge Sensibilität und Witz enthält) durchaus ein Berechtigung hat in einer Gesellschaft, die vordergründig einen auf „heile saubere Welt“ macht, oftmals jedoch auf den zweiten Blick hinter die Kulissen extrem dirty ist. Wahrscheinlich haben sich genau die Leute am meisten über den Roman aufgeregt, die ihre äußerst gepflegte Erscheinung auf keinen Fall in Frage gestellt sehen wollen (so von wegen, wie oft ich meine Unterhose wechsle geht keinen was an!). Nur so eine Vermutung, denn ich fand das Buch auch eklig, aber ich hätte jetzt nicht dafür plädiert, dass es schlecht ist oder abgeschafft gehört, es beschreibt einfach Erfahrungen der etwas anderen Art.

„Schoßgebete“ – Charlotte Roches 2. Roman

Das neue Buch, das 2011 erschien und dessen Hörbuchversion http://www.youtube.com/watch?v=tcHSKPv67Rs von Charlotte Roche selbst eingesprochen wurde, habe ich noch nicht gelesen. Bei der medialen Aufmerksamkeit und vor allem wegen der lauten Kritik, die Charlotte Roche auch mit „Schoßgebete“ wieder triggerte, hab ich mich vorsichtshalber jedoch schon mal pro Charlotte Roche und pro künstlerische Freiheit eingestellt. Denn von Literaturkritikern und auch Frauenrechtlerinnen musste sie echt wieder einiges Einstecken.

In dem Buch geht es laut Beschreibung in gewohnt offener Sprache um die familiären Verstrickungen einer Ehefrau, um ehelichen Sex und Bindungen, um ihre Ängste und Therapieversuche nach einem heftigen Schicksalsschlag. Letzterer ähnelt auffallend Roche’s eigenem Verlust vor einigen Jahren. Ihre 3 Brüder wurden bei einem schrecklichen Autounfall getötet. Charlotte Roche selber spricht davon, dass es ihr immer noch schwer falle, die Verkettung von Ereignissen, die den Unfall möglich machten, zu begreifen, und dass sie früher oder später diesen Schicksalsschlag in einem ihrer Bücher hatte verarbeiten müssen.

Kritiker versuchten Roche dementsprechend in fast jeder Talkshow auch auf alle anderen Charakteristika ihrer Roman-Ehefrau festzunageln, ihr all die Manien anzudichten, mit denen die Romanfigur zu kämpfen und zu leben hat. Vielleicht hat es sich die Kritik damit einfach wieder zu einfach gemacht. Denn selbst wenn dem so wäre, gibt es meines Erachtens keinen Grund jemanden anzugreifen, wenn er Sex oder seine Ängste explizit beschreibt, ob es sich nun um eigene Erfahrungen handelt, oder reine Empathie mit einer Romanfigur.

„Schoßgebete“ schaffte jedenfalls auch innerhalb der ersten Tage nach Veröffentlichung den Sprung auf Platz 1 der Bestsellerlisten und ich gehe mal davon aus, dass die Gesellschaft geradezu nach explizitem Lesematerial hungert, anders ist es kaum zu erklären, dass Charlotte Roches Romane so erfolgreich sind.

 Je explizieter desto zeitgemäßer?

Ich glaube, dass die Welt detaillierte, explizite Beschreibungen dessen, was hinter verschlossenen Türen/Gesichtern abgeht, gut gebrauchen kann. Roche liegt da für mich voll im Trend, zwischen Wikileaks und dem aktuellen US-Bestseller „50 shades of grey“.

50 shades of grey“, ein Roman, der diesen Sommer unter dem Titel „Geheimes Verlangen“ auch in Deutschland veröffentlicht wurde, löst schon seit geraumer Zeit im prüden Amerika geradezu eine Welle der Begeisterung an schrägen Sex-Spielen zwischen Lust, Schmerz und Abhängigkeit aus.

Laut Medienberichten reißen sich bekannte Schauspieler derzeit um eine Rolle in der anstehenden Verfilmung des Romans, in dem eine 21-jährige Studentin eine SM-Affaire mit einem jungen Milliardär anfängt, der sie zwar versorgt, aber eben auch benutzt. Auch die anderen beiden Romane aus der Trilogie der Autorin E.L. James, die „eigentlich“ Hausfrau und Mutter ist, stehen auf Toppositionen in den Bestsellerlisten. Kürzlich habe ich in einer Doku zum aktuellen Roman erfahren, dass es in den USA inzwischen tatsächlich „50 shades of grey“-Gruppen gibt, in denen sich Frauen in Sachen SM-Sex „weiterbilden“, es ist ein wahrer Hype in den für ihre Prüderie bekannten USA.

Was ich von einem SM-Trend zu halten hätte, bei dem Frauen sexuell von Männern abhängig sind, weiß ich gar nicht genau – oder doch: ich find es schräg. Jedoch gehe ich eigentlich davon aus, dass es weit weniger die Konstellation oder Praktiken sind, die die Leser(innen) faszinieren, als die expliziten Beschreibungen eines Themas, das normalerweise totale Privatsache ist.

Vielleicht sind Phänomene wie der Erfolg von Charlotte Roches Romanen, der Hype um die 50-shades-of-grey-Trilogie und Erscheinungen wie Wikileaks ja ein gute Anlass, sich das Ganze mal aus Sozialpsychologischer Sicht anzuschauen, statt auf die Macher und Autoren einzudreschen, die im Grunde das tun, worauf die Welt in unserer Zeit gewartet hat: weg mit der gesellschaftlichen Maskerade.

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Darum ging es im Beitrag:
    feuchtgebiete und shades of grey autorin | shades of grey kürzlich eingestellt | das geheime verlangen der sophie gibts auch als hörbuch |

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1 Kommentar

  1. Sandra sagt:

    Ich finde solche Bücher gut und bin auch definitiv pro Charlotte Roche eingestellt! Man sollte über so viele Themen einfach mal viel offener reden oder schreiben. Das hab ich mir zum Beispiel während meiner Schwangerschaft des Öfteren gedacht… Alle erzählen immer, wie toll es ist, schwanger zu sein, wie toll man sich fühlt und wie glücklich man ist, wenn das Kind das erste Mal tritt (was ja an sich auch alles stimmt) aber von den eckligen und unangenehmen Sachen findet man nichts, wenn man nicht geziehlt danach sucht. Ich hatte zum Beispiel unheilmlich mit Sodbrennen zu tun. Bevor das auftrat wusste ich nichtmal, dass das mit einer Schwangerschaft in Zusammenhang stehen kann. Vielleicht sollte ich einfach mal ein Buch schreiben “Die Schattenseiten der Schwangerschaft” oder so ;)