Entliebungsstrategie Praxis gegen Liebeskummer





Liebeskummer ©Intuitivmedia

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Mit Liebeskummer auf die Couch? Scheinbar finden schon einige Menschen Ihren Weg in die Liebeskummer-Praxen, die es bereits in einigen Städten in Deutschland gibt. U.a. in Hamburg, Berlin, München und Stuttgart.

Die Idee, sich als Psychologischer Berater oder Psychotherapeut auf Liebeskummer-Klienten zu spezialisieren, finde ich richtig gut. Kritiker behaupten zwar, das hier Geschäfte mit dem Kummer gemacht wird, aber das finde ich übertrieben. Was sonst macht jeder andere Psycho- oder Soziotherapeut? Wenn ich mir professionelle Hilfe und Beratung hole, dann finde ich eine Entlohnung gerechtfertigt. Sei es jetzt bei der Installation einer neuen Wachmaschine oder bei Liebeskummer.

Wenn eine Beziehung zerbricht fallen viele Menschen tatsächlich erstmal in ein tiefes Loch. Klar unterhält man sich erstmal mit Freunden und Familie über seinen Schmerz, aber Fakt ist doch, dass man diesen nach einer Weile damit gehörig auf den Keks geht und vor allem, dass diese Menschen nicht neutral sind und man Gefahr läuft, keinen guten Zuhörer sondern einen Kritiker zu finden, der vor allem eines Will: dass man möglichst schnell wieder von anderen Dingen als dem gebrochenen Herzen zu reden.

Nach einer gescheiterten Beziehung und nach jeglicher Art von Enttäuschung im Liebesleben überhaupt ist die emotionale Belastung so hoch, dass ich mir gut vorstellen kann, dass auch viele andere „Baustellen“ der eigenen Persönlichkeit angerührt werden. Solche vor allem, die bis dato noch ganz unbeachtet waren. In einem solchen Fall mit einem professionellen Therapeuten zu sprechen und nicht mit Uschi oder Nicole, die immer zu sagen „Jetzt komm doch mit, wird ne geile Party und tolle Singlemänner sind auch da!“ finde ich sehr gut.

Ich betrachte Liebeskummer der schlimmen Art ja als ein Symptom. Meine Theorie ist, dass man zuvor Eigenschaften und Qualitäten auf einen (potentiellen) Partner projiziert hat, der nun „weg“ ist (mit allem, was zu ihm dazu gehört). Ich meine, dass ein Großteil des Schmerzes weniger dem Menschen selbst gilt, der das weg ist, als dem, was er repräsentiert. Seien es nun Charaktereigenschaften, Marotten oder einfach das, was er im Leben tut. Sei es nun seine Schüchternheit, seine Dominanz oder dass er ein so toller DJ oder mächtiger Geschäftsmann ist. Sei es seine Schluffigkeit oder seine Kochkünste.

Nach einer Trennung oder der Erkenntnis, dass die Beziehung, die man anstrebte nichts wird, steht man da OHNE diese Eigenschaften und in meinen Augen beginnt genau an diesem Punkt die Arbeit. An sich selbst. Die meisten Menschen erkennen dies nicht, behaupten, sie vermissten den oder diejenige so sehr, dass sie glauben, ihr Herz würde brechen. Dass sie Anteile vermissen, die zur Integration bei ihnen selbst anstehen, sehen die wenigsten. Vielleicht verständlich, denn es ist ja viel einfacher, der Illusion nachzujagen, der andere Mensch sei mit all seinen Eigenschaften so was von einzigartig, dass man ohne ihn nicht leben kann.

Liebe ist für mich persönlich anders. Da will jemand gehen, ich kann ihn ziehen lassen. Da will jemand nicht mit mir zusammen sein, ich kann ihn loslassen, weil mir sein Glück am Herzen liegt und wenn das nicht mit mir ist, dann ist das etwas, was ich akzeptieren kann. Auch solche Trennungen tun weh. Ich behaupte jedoch, dass Liebeskummer wie er meist verstanden wird, nicht aufgrund tiefer Liebe entsteht, sondern aufgrund eines Mangels in uns selbst, den wir meinen, nur mit einem ganz bestimmten Menschen beheben zu können. Und DAS sehe ich heute anders als noch vor 20 Jahren.

Ich betrachte mich selbst als alten Hasen in Sachen Bewältigung von Liebeskummer.
Als meine 2-jährige Beziehung mit meiner ersten großen Liebe endete, als ich 21 war, dachte ich, ich würde sterben. Ich war so von Schmerz überwältigt, dass ich tatsächlich körperliche Schmerzen hatte. In meinem Kopf war auch nur Leere und ich habe seinerzeit nur dadurch die Kurve gekriegt, weil ich nach einjähriger Tieftrauer eine neue Beziehung angefangen habe. Bei diesem ersten schweren Liebeskummer war mir noch nicht bewusst, dass ich damit umgehen kann. Es war ja ganz neu und ich verstehe, wenn jemand sagt, dass er es sich nicht zutraut, darüber hinwegzukommen. Wenn jemand die Erfahrung des Verlustes einer Liebe noch nicht (so oft) gemacht hat, woher soll er oder sie wissen, dass es Wege gibt, damit umzugehen? Wege, die den eigenen Horizont sogar noch erweitern.

Im Laufe meines ca. 20jährigen Liebeslebens habe ich einige Beziehungen und Liebeskummerphasen kommen und gehen sehen. Die Trauerphasen nach dem Ende einer Beziehung wurden immer kürzer und ich hatte den Eindruck, dass dies damit zusammenhängt, dass ich im Vergleich zu den ersten Verlusten inzwischen einfach Erfahrung damit hatte, dass es danach „irgendwann“ schon wieder gut wird.
Mit dieser Erkenntnis war ich viel motivierter als früher, aktiv daran zu arbeiten, die Phase gut zu überstehen und möglichst auch noch was für’s Leben daraus mitzunehmen.

Ich habe inzwischen eine Superstrategie entwickelt, wie ich den „Entliebungsprozess“ beschleunigen kann. In meinem Fall Lebensnotwendig, denn ich verliebe mich andauernd. Das kann eben nicht immer klappen.

Einzige und wichtigste Voraussetzung zur Anwendung meiner Entliebungsstrategie: man muss bereit sein, den/die Ex LOSZULASSEN – also bereit sein, die Wünsche nach einer Beziehung mit der betreffenden Person komplett abzuhaken.
Das ist eine m.E. schwierige, wenn die die schwierigste Hürde. Und an der Wunschvorstellung, es könnte ja doch noch mal klappen, hängt für mich im Grunde auch jeder tiefe Liebeskummer dran. Wenn man aufgegeben hat, schwindet der Kummer, der in meinen Augen eine psychische Stressreaktion auf den Widerspruch zwischen Realität (es ist nicht mehr) und den eigenen Wünschen (es soll aber doch weitergehen) ist.

Meine Strategie ist ganz einfach und banal. Bei klappt das immer und im Nullkommanix habe ich den betreffenden Mann „nur noch“ lieb, statt mich in qualvoller Sehnsucht zu verlieren. Ich gehe ganz strukturiert daran, denjenigen, mit dem es nicht klappt, auf seine elementarsten Eigenschaften zu reduzieren. Ichs schreibe alles auf, was ihn ausmacht. Dass kann von „er engagiert sich für Schwache“ über „Humorvoll“ bis hin zu „er hat viel Geld“ oder „er ist faul“ oder „er ist ziemlich eitel“ gehen. Ich mache hier keine Bewertungen, schreibe nur das auf, was ich am anderen wahrnehme, positiv oder negativ und möglichst umfassend.

Und dann gehe ich hin und „arbeite“ diese Liste ab. Die Prioritäten setze ich bei den Eigenschaften, die am wenigsten meine eigenen sind. Also, wenn es sich z.B. um jemanden handelt, der sich sehr sozial engagiert und ich selbst da eher so gar nix tue, dann fange ich an mir zu überlegen, wofür ICH mich gerne einsetzen würde. Auch wenn ich inneren Widerstand spüre, ich suche mir eine Cause (und wenn es einmal in der Woche bei der Tafel Essenausgeben oder ein Patenkind in Afrika ist) und werde sofort aktiv. Erster Punkt: abgehakt.
Wenn der Typ ein DJ war, fange ich an, an meinem Laptop Compilations zusammenzumixen, auf CD zu brennen und an meine Freunde zu verschenken.
Wenn der Typ viel Geld hatte (und ich nicht), dann fange ich an, darüber nachzudenken, ob und wie ich ebenfalls mehr Geld verdienen kann. Hierbei können Erkenntnisse auftauchen wie, dass ich das schon auch selbst KÖNNTE, dass ich aber nicht bereit wäre, die vielen Kompromisse (wie weniger Freizeit o.ä.) einzugehen. Nächster Punkt: abgehakt. Wenn er jemand ist, der immer straight sagt, was er denkt (und ich eher schüchtern und vorsichtig), dann fange ich an, auch mal deutlich meine Meinung zu sagen, auch wenn diese anderen vielleicht unbequem ist. Nächster Punkt: abgehakt! Etc.

Es geht also im Grunde gar nicht so sehr darum, so zu werden, wie der andere. Eher darum, die Leere in mir selbst mit Leben zu füllen (wofür vorher mein Partner oder potentieller Partner zuständig war). Meistens probiere ich die Eigenschaften meines Verflossenen einfach nur mal aus. Manche davon nehme ich als neue Errungenschaften mit in den neuen Lebensabschnitt, manche sind lediglich Horizonterweiterung und passen doch nicht zu mir.

Seit ich im Falle unglücklicher Verliebtheit oder Liebeskummer dieses Verfahren anwende, bin ich binnen weniger Wochen kuriert. Dies hat mir eben auch gezeigt, dass Liebeskummer meistens auf einer Projektion basiert und kaum etwas mit echter Liebe zu tun hat.

Das Allerbeste an der ganzen Geschichte ist, dass ich dazulerne, Dinge tue oder reflektiere, die ich sonst nicht auf dem Plan hatte und: dass ich nach dieser Probierphase 1. keinen Schmerz mehr empfinde, weil der andere weg ist und 2. dass in meinem Herzen Liebe für den anderen freigelegt wird unter all den Projektionen und zwar die Art von bedingungsloser Liebe, die einfach loslässt und dem anderen nur das Beste wünscht. DAS ist für mich die Haupterrungenschaft dieser Technik.

Alles natürlich auf eigene Gefahr und unter Beachtung der Gesetze sowie zwischenmenschlicher Regeln!

Für alle, die sich das noch nicht selbst zutrauen gibt es ja nun die Liebeskummerpraxis in diversen Städten. Und ich hätte so was von 20 Jahren bei meinen ersten Liebeskummer echt begrüßt. Hätte mir wahrscheinlich jahrelangen
Kummer erspart, wer weiß.

Kopf hoch. Und: don’t hope, cope!

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Wer hat`s geschrieben ?

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Darum ging es im Beitrag:
    liebeskummer psychologe krefeld | stat psychotherapie wegen liebeskummer | tochter hat luebeskummer und will nicht reden |

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4 Kommentare

  1. Murizzl sagt:

    Beeindruckender Text…wahrhaft.Mein Problem daran ist…..das meine Ex-freundin gerade GENAU das duchmacht wie du.Sie wollte und HAT mich abgeschrieben.Aber…………da gibt es auch noch die andere Seite.Und obwohl ich ALL das genauso nachvollziehen kann..aus IHRER Sicht der Dinge…So ist das für den Anderen———–nicht so einfach zu betrachten.Deshalb STIMME ich dir bei ALLEM zu.Und TROTZDEM:………………..manchmal ist da auch ECHT mehr…..was man erst mal hat raffen müssen.
    Danke dir.Sehrangenehm, diesen Text mal zu lesen……..quasi aus den Augen oder Mund meiner Ex Freundin.

  2. Trinity sagt:

    Schön, wenn dich diese Sicht weiterbringt.

    Voraussetzung für diese “Anleitung” ist natürlich das Eingeständnis, dass die großen “Gefühle”, die man zu fühlen meint, evtl. doch nur auf Projektionen oder “karmischen” Verstrickungen basieren könnten. Das muss man schon ausprobieren, bevor man behauptet, man könne deshalb nicht loslassen, weil man den Ex, der einen verlassen hat, ja ach so sehr liebe…:-)

    Ich jedenfalls fühle mich ziemlch unfrei, wenn ich jemandem nachlaufe, der mir den Laufpass gegeben hat. Da entliebe ich mich lieber und habe nachher meinen Frieden mit ihm.

    Und wie sagt man schön: wahre Liebe läßt den anderen los.

  3. Murizzl sagt:

    Hhmja.Auch das kann ich verstehen und auch nachvollziehen.Ist natürlich immer wieder eine individuelle (hintergrund-)geschichte, die da wohl ablief, bis es zu dem Punkt kam oder kommt…….wo man merkt das vieles nicht richtig lief.Und selbstreflektion is dabei wohl..die vielleicht Wichtigste, aber auch Härteste Schritt.Und ich meine……mich mehr in meinem Leben als je zuvor selbst zu reflektieren und mich selbst mehr wahrzunehmen als in meinem Leben vor ihr.Und ich WEISS, das im Prinzip alles nur mein Fehler war!!!!War es wirklich.Aber was ist denn mit dieser “legendären” zweiten chance???Ich MEINE einfach ich HABE die verdient.Gibts sowas denn?Ich kann diese Frau nicht abhaken.Auch mit keiner Anleitung oder Ähnlichen.Zumindest bisher nicht.Das is n halbes Jahr her….und da hat auch kein Schmerz bisher irgendwie nachgelassen…..
    Und ganz ehrlich?Das mit dem etwas in jemanden hinein-projezieren…..hatt ich mit meiner exfreundin auch.Aber ich glaube….nach ALL der selbstreflektion…..ich projezier mir da nicht wirklich was rein.Ich weiss wer und wie sie ist.Und ich WILL sie.Als ALL das was ich kenne und liebe.Ich ehhm sie einfach NUR so, wie sie ist.(Und soooo einfach ist sie auch nie ganz gewesen…^^^^)

  4. Murizzl sagt:

    unt entschuldige.dass ich da mich an manchen stellen mitunter bösartig ausgedrückt habe.das is noch die wut, die da auch noch in mir kocht.die wut und die verzweiflung, dass jemand so einfach mit einem charakter)mä nner und frauen da unterschiedlich reagieren, fühlen,klammern, oder loslassen können……Eigentlich vielleich Klischeedenken.Aber jeder stösst mal an seine persönlichen Grenzen.Und da liegen meine.