Debatten um Zensur von Kinderbüchern und Sexismus: Wo steht Deutschland?



Deutschland deine Disskussion



Sollen heute als diskriminierend geltende Begriffe wie „Negerlein“ aus Neuauflagen alten Kinderbücher entfernt werden? Was ist „Sexismus“ eigentlich? Deutschland diskutiert sich in die geistige Freiheit.

Und die gesellschaftliche Entwicklungsmaschine bewegt sich doch!

Unter dem Hashtag #aufschrei ist bei Twitter in den letzten Wochen die bisher größte Diskussion über Sexismus entstanden, die man so je gesehen hat. Ja, alle Medien sind voll, alle Talkshows haben Rainer Brüderles Dirndl-Spruch der Stern Journalistin Laura Himmelreich gegenüber einmal durch den moralischen Kakao gezogen, jedes Lager durfte mal was sagen und es melden sich auch weiterhin allseits Menschen unterschiedlichster Meinungslager zu Wort im Web, in Blogs, bei Twitter etc. Aufregung, Meinungschaos. Paradigmenwechsel?

auschrei

auschrei @intuitivmedia.net

Ich persönlich hab ein paar derb-kesse Sprüche und diverse angewiderte Gesichtsausdrücke als probates Gegenmittel bei Altsack-Anmachen schätzen gelernt, weiß aber auch, dass manche Frauen das mit der gerümpften Nase nicht so gut können, oder gar Angst vor den Konsequenzen offen zur Schau gestellten Missfallens haben. Ja, man braucht dafür Mut. Mut zur Hässlichkeit in bestimmten Situationen, Mut zu Unbequemlichkeit, Mut, sich unbeliebt zu machen und auch Mut, die Konsequenz des „Dann eben nicht!“- Kopf in den Nacken zu tragen: sich ggf. einen neuen Job suchen.

Ganz schlimm fand ich zuletzt einige (ältere) Damen in Talkshows, die Verhalten wie das von Brüderle als „normal“ darstellten und meinten, dass man solche Sprüche doch durchaus als Kompliment betrachten sollte und dass das alles eben so ist und eben immer so bleibt, dass Männer eben so was machen. Gegruselt hab ich mich bei diesen Aussagen vor allem deshalb, weil ich schlagartig erkannte, dass es tatsächlich noch nicht lange her ist, dass in Deutschland der Ehemann einfach zum Chef seiner Frau gehen und ihren Job kündigen konnte, mit der Begründung, durch den Job könne Sie den Haushalt nicht ordentlich führen. Ich glaub das war bis Ende der 50er Jahren so. Und erst seit Ende der 70er Jahre dürfen meines Wissens in Deutschland Frauen einen Job annehmen OHNE ihren Mann um Erlaubnis zu fragen. Mit anderen Worten: wenn 1975 eine Frau arbeiten gehen wollte und ihr Mann nicht einverstanden war, dann hatte sie -leider Scheiße- per Gesetz Pech gehabt.

Ich finde das ziemlich relevant. Möge man die Sexismus-Diskussion auch mal vor diesem historischen Hintergrund betrachten.

Und ich habe Welten aufeinanderprallen sehen in einigen Talkshows, auch bei Twitter. Denn die Generation-Himmelreich ist nach 1970 und weit nach 1958 geboren und „Pah!“ hat keine Lust, Energie in hochgezogen Augenbrauen zu stecken, weil sie lieber lächelnd ihr Ding machen will im Leben, ohne dass Hans oder Wurst im Weg rumliegt, einen runterzieht und sexuelle Anerkennung einfordert, ohne für die jeweilige Frau „sexy“ zu sein.

Für mich persönlich ist es DAS, was aus dem Aufflammen der Debatte spricht: die Mädels von heute haben einfach keine Lust mehr auf den Scheiß, durchschauen Machtspiele, in denen sexuelle Identität als Waffe benutzt wird, erkennen die Schwäche hinter derlei –gesellschaftlich anerkannten Strategien- und: sie äußern sich entsprechend. Was die Männer mit der Fülle in den öffentlichen Diskussionen geäußerter Ansichten anfangen, bleibt abzuwarten im Alltag.

Pipi in Takatukaland oder: Historische Authentizität vs. Political Correctness

Auch mit anderen Diskussionen will sich Deutschland scheinbar von unliebsamen Dingen aus der Vergangenheit frei machen. Ob Kinderbücher jedoch umgeschrieben werden müssen, um zu demonstrieren, dass man sich als Gesellschaft weiterentwickelt hat, wage ich zu bezweifeln. Kindern den historischen Kontext klarzumachen, wenn man ihnen Pipi Langstrumpf in die Hand drückt, könnte großen Sinn machen.

Märchen

Märchen @intuitivmedia.net

Bei n-tv.de las ich den Titel „Deutsche wollen „Neger“ lesen“, berichtet wurde über eine Umfrage, laut der 70% aller Befragten keine Änderungen in alten Kinderbüchern wollen. Den Titel finde ich übertrieben. Ich will nicht „Neger“ lesen, aber: ich will, dass die Bücher, die ich als Kind gelesen habe, in 20 Jahren noch die gleichen sind. Ich kann das im Kontext sehen.

Pipi Langstrumpf, Die kleine Hexe und co. sind ja nicht nur großartige Werke sondern auch Zeitzeugnisse der Literatur. Wenn man diese Kinderbücher verändert, müsste man konsequenterweise auch die Bibel umschreiben und viele andere Bücher. Ich fänd’ es gut, wenn es zu Neuauflagen der entsprechenden Kinderbücher beispielsweise ein Beiheft geben würde zukünftig, in dem historischer und kultureller Kontext erklärt würden. Am Ende vom Tag sind es ja doch die Eltern, die ihren Kindern die Welt erklären. Egal, was für Bücher sie ihnen schenken.

Vielleicht sind die Kinderbücher „von damals“, wie sie sind, ja in Wahrheit kein Bisschen schlimmer als die Monster High Kacke, die die Kids von heute interessiert. Die Kinder meiner Freundinnen interessieren sich jedenfalls nicht die Bohne für Pipi Langstrumpf oder Momo, sondern stehen auf Hannah Montana und Berlin Tag und Nacht. Und: schmutzige Wörter lernen die Kleinen auch bei Sponge Bob. Kein Scherz: der Sohn einer Freundin hat mit vier oder fünf Jahren bei Sponge Bob das Wort „Idiot“ kennen und als Schimpfwort lieben und anwenden gelernt..

Dieser Artikel soll übrigens keine neue Diskussion anregen. Es kann ja jeder seine Meinung sagen und vielleicht wird am Ende dann aus all den Meinungen eine schöne Weltanschauung, die sich an die Geschichte erinnert und gerade deshalb heute auch die dunklen Ecken der Gesellschaft putzt :-)

Mehr dazu:
Dann mach doch die Bluse zu!
„Dann mach doch die Bluse zu“ Eine Nachbetrachtung.

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Darum ging es im Beitrag:
    zensur von kinderbüchern | umscrheiben von kinderbüchern | leinwandbilder selbst gemalt |

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