Arbeitszeugnisse als Kriegsbeute



Verlieren zu gute Arbeitszeugnisse ihren Wert?



Laut Bild.de sind in den vergangenen Jahren Arbeitszeugnisse für aus Betrieben ausscheidende Mitarbeiter immer „besser“ geworden. Vermutlich haben Arbeitgeber inzwischen echt verstanden, dass es extrem teuer werden kann, wenn sie einen Mitarbeiter mit „Codes“ im Arbeitszeugnis in die Pfanne zu hauen versuchen. Es gibt doch so viel Literatur über Arbeitszeugnisse und jeder Laie kann heute die Kniffe und Tricks von Personalern durchschauen, die mit an der Oberfläche positiven, im Kern jedoch negativen Aussagen, jemandem Steine in den weiteren beruflichen Weg legen wollen.

Viele Menschen sind wegen solcher Arbeitszeugnisse schon vor Gericht gezogen und ich finde es gut, dass man sich hier zu wehren gelernt hat. Aber ich selbst habe Arbeitszeugnisse noch nie so ganz ernst genommen. Ich habe früher meine festen Jobs auch irgendwie nie über eine klassische Bewerbung bekommen, sondern immer über Empfehlungen, weil jemand jemanden kannte, der mich kannte so.

Gute Arbeitszeugnisse wertlos – Schlechte Arbeitszeugnisse als Trophäe?

Das krasseste Zeugnis bekam ich von einem Verein, für den ich einige Monate lang als Geschäftsführerin (!) in einem „1-Euro Arbeitsverhältnis“ tätig gewesen war. Ich habe den ganzen Laden geschmissen, 2 riesige Veranstaltungen vorbereitet, die gesamte PR dafür gestemmt, mit den Finanzbehörden verhandelt hinsichtlich von Ausländersteuerfragen (habe denen tausende Euros eingespart, weil ich mich damit auskannte!) , Flüge für eine Band aus USA beim Reisebüro kreuzen lassen, damit sie günstiger werden, Unterbringung für Bandmitglieder und Familienanhang gebucht und eine Tonne anderer Sachen erledigt, wie z.B. den günstigsten Muskinstrumente-Verleih am Ort an den Start gebracht und bestimmt 400 Briefe oder mehr innerhalb kürzester Zeit eigenhändig eingetütet. Dazu habe ich auch noch das Büro am Laufen gehalten, Mitgliederanträge und Beiträge verwaltet und die Kasse, den gesamten internationalen und nationalen Schriftverkehr alleine abgewickelt .

Die 14 Vorstandsmitglieder hatten nix Besseres zu tun, als sich „in den Urlaub zu verabschieden“ weil die doofe 1-Euro-Kraft so viel Berufserfahrung mitbrachte, dass sie ihnen eine Top-Veranstaltung auch ganz alleine organisiert. Die hatten sich wohl gedacht „Ahhh, jetzt können wir nach der letzten 1-Euro-Kraft, die bei jeder email auf English unsere Hilfe brauchte, endlich mal durchatmen!“.

Schlimmstes High Light meiner Zeit dort: ich hatte bei einer Vorstandssitzungen ein von mir ausgearbeitetes Konzept für Public Privat Partnership auf die Tagesordnung gesetzt. Ich habe vorgeschlagen, so zu wirtschaften und mit Partnern zu kooperieren, dass man aus meiner „1-Euro“-Stelle eine normal bezahlte Stelle hätte machen können. Allein in meiner kurzen Zeit dort habe ich dem Verein soviel Geld eingespart, dass es 2 faire Monatsgehälter ergeben hätte! Der Vorstand hat mich einfach ignoriert. Die haben mich nicht mal zu Ende sprechen lassen!

Der Vorstand bestand übrigens DURCHWEG aus gut situierten Leuten: Studienräte, Unternehmer, Doktoren, Klinikinhaber etc. Man hat mich ihre Lobby-…, uups Vereinsveranstaltungen meinte ich natürlich, organisieren lassen und ich bekam 120 Euro on Top auf ALGII…! Zu den von mir organisierten Events waren unter anderem auch US-Diplomaten und viele Industrielle und Unternehmer aus der Gegend eingeladen…

Anyway, diese Art Verhalten und Behandlung seitens des Vorstandes habe ich mir ca. 3 Monate lang gefallen lassen, da ich nicht einfach mitten in der Vorbereitung dieser 2 Events aussteigen wollte –da hab ich einfach zu viel professionelles Verantwortungsgefühl, denn es wäre alles in sich zusammengefallen, kein Mensch hätte meinen Part einfach so übernehmen können. Es ging da um Veranstaltungen mit Bands, Bühne, Showtruppen, großer Tombola, einer Leinwand & Beamer (das war 2006, während der WM) etc.

Ich war nachher 8 Tage vor dem 2. Event so schlimm erkältet und krank, dass ich mich kaum mehr auf den Füßen halten konnte, aber das hat niemanden interessiert im Vorstand. Die waren einfach nicht wirklich erreichbar, geschweige denn wollte irgendjemand bei SEINEM Verein mithelfen.

Am Ende habe ich dann beschlossen, den Herrschaften eine kleine Lektion zu erteilen: ich war nämlich so krank, dass ich eigentlich nicht mal mehr eine Krankmeldung, sondern eher einen Leichenwagen gebraucht hätte! Also habe ich das letzte Event so lupenrein und wasserdicht organisiert, mit PlanB+C, alle Risiken ausgeschlossen, so dass ich dem Vorstand am Abend VOR dem Event mitteilen konnte, dass Sie sich selber an den Vereinsstand stellen müssten, weil ich keinen weiteren Tag durchhalten würde. Und abgesehen davon würde ich auch mit sofortiger Wirkung kündigen und dem Arbeitsamt entsprechenden Bericht erstatten, was da gelaufen sei und auch noch von ein paar anderen Ereignissen erzählen, die -wenn sie rausgekommen wären- die gesammelte Vorstandsriege Kopf und Kragen gekostet hätten. (Letzteres habe ich dann doch aus eigennützigen Gründen nicht aufgedeckt, denn das wäre zu viel schlechtes Karma geworden)

Ich lag jedenfalls am Tag der Veranstaltung todkrank mit Fieber im Bett. Der Event verlief absolut perfekt und reibungslos und eine Freundin, die ich Profi dort als meine Späherin hingeschickt hatte für den Fall einer Panne, berichtete mir tagsüber immer wieder über Handy. Ich konnte mich nicht mehr regen und die Vorstände mussten selbst Mitglieder akquirieren an ihrem Stand in der Innenstadt! Das war meine Genugtuung! Nicht Rache, sondern Genugtuung. Da gibt’s nämlich einen feinen Unterschied.

Derjenige vom Vorstand, der dazu verdonnert worden war, Standdienst zu machen ( Geschäftsführer einer Firma im Übrigen, der mir gegenüber immer besonders herablassend gewesen war) hat mir dann das Arbeitszeugnis schreiben dürfen: es war 4 Zeilen lang .

Aber das war mir Schnuppewurscht! Der muss so sauer gewesen sein! Aber: Gerechtigkeit muss sein hehe. Die kleine doofe 1-Euro-Kraft hatte es in sich, in professioneller Hinsicht als auch, was die Lektion an der Tafel des Lebens betraf. Der gesamte Vereinsvorstand wird sich sehr gut überlegen, ob er jemals wieder jemanden SO ausnutzt und nochmal ignoriert, wenn ein Mitarbeiter sich nur noch vom Bett ins Büro und zurückschleppt über 2 Wochen.

Das Arbeitsamt hat mir auch keinerlei Probleme bereitet wegen des Ausstiegs: nachdem ich die Sachbearbeiterin darauf aufmerksam gemacht hatte, dass sie ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen war, was die vorherige Überprüfung des besagten Vereins betraf, und nachdem ich mit der Enthüllung der Vorfälle (die ich ja aus Karmagründen doch nicht enthüllt habe) gewedelt hatte, war sie ganz bei mir und ich habe auch danach NIE mehr einen 1-Euro-Job angeboten bekommen, obwohl ich noch eine ganze Weile danach arbeitslos war.

So, dass musste ich jetzt mal erzählen zum Thema „Schlechte Arbeitszeugnisse und ihr Wert als Kriegsbeute“. In meinem Zeugnis vom Verein war weder mein Name korrekt geschrieben, noch der Eintrittstermin richtig. Es stand kein Wort über all meine Tätigkeiten und Leistungen drin, aber da habe ich nichts reklamiert, sondern es mir fett als Trophäe an die Wand gehängt.

Wie war das noch gleich bei bild.de: verlieren Arbeitszeugnisse an Wert, wenn sie zu gut sind?

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Wer hat`s geschrieben ?

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Darum ging es im Beitrag:
    chancen bei schlechtem arbeitszeugnis vor gericht | arbeitslos wegen arbeitszeugnisse | Arbeitszeuignis bei einer AGH |

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1 Kommentar

  1. Marcus sagt:

    Ich habe mir den ganzen Artikel nun durchgelesen. Und dabei ist mir einiges durch den Kopf gegangen.

    Zu erst einmal das sachliche:

    Arbeitgeber werden sich immer irgendwie verständigen. Und wenn das nur durch die Art und Weise geschieht, wo etwas geschrieben wurde. Sprich – als Beispiel – wenn eine Leistung bombastisch war steht sie am Zeilenanfang, wenn sie zum vergessen war am Zeilenende.

    Oder ähnliches.

    Das dort nichts drinsteht, was man auch nicht lesen kann, wird meiner Meinung nach nie der Fall sein.

    Desweiteren: Ein AGH-Job ist meiner Kenntnis nach rechtlich nicht einem ‘normalen’ Arbeitsverhältnis gleichgestellt. Ergo besteht auch kein Anspruch auf ein Arbeitszeugnis, sondern nur auf eine Beurteilung.

    So ist es in verschiedenen I-Net-Foren zu lesen, die diese Thematik beackern. Und auch mir wurde bei meinem AGH-Job in einem Sportverein gesagt, das ich eine Beurteilung bekäme und kein Arbeitszeugnis.

    Letztlich steht dort aber doch Arbeitszeugnis drüber, und es ist glaube ich mit Abstand mein bislang bestes.

    Ich wollte noch meine restlichen Eindrücke schildern, aber da die nicht unbedingt die positivsten sind, lasse ich es ertstmal dabei bewenden.